Vegan in Wien? Des gehd si scho aus.

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So schaut sie aus, die vegetarische Galaxie im Wiener Tian.

Die seit Jahren hoch geschätzte Seelenverwandte Katharina Seiser befindet sich aktuell in einem ungewöhnlichen kulinarischen Orbit. Ihre Mission: 21 Tage vegan essen. Also rein pflanzlich. Keine tierischen Produkte. Nicht einmal Honig ist ihr vergönnt. Der gehört den fleissigen Bienen.

Wer Katha kennt, weiss, dass sie das akribisch durchzieht, ebenso fleissig Tagebuch darüber führt und ihre Erkenntnisse teilt und diskutiert.

Man kann ihr hier folgen, oder sich auf die Märzausgabe der Maxima freuen. Dort wird ein Artikel von ihr darüber erscheinen.

Auf meiner Kurzvisite in Wien haben wir uns im schicken Vegetarier Tian getroffen.

Ich weiss, Wien und Kurzvisite sollten sich ausschliessen und ich gelobe wieder zu kommen, ich mag nämlich diese Melange aus hochtrabend und heruntergekommen  und auch wenn ich gehört habe, dass sich die Wiener über ihre Stadt beklagen – ich bewundere sie.

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Das vegetarische Restaurant ist gleichzeitig gehoben und geerdet. Und dazu sehr kommunikativ. Die Küche ist radikal auf die Qualität der primären Produkte fokussiert. Gekocht wird auf einem hohen kreativen und handwerklichen Niveau mit viel Überraschung und Witz.

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Schöne Grüsse von der Knoff-Hoff-Show: Japanische Kaffeekocher für Randensuppe mit Thymian und Kakao.

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Hmm, wenns vegetarisch sein muss und herzhaft und satt machen soll, dann gehen italienische Spiantravioli immer. 

Leider hab ich in den dreieinhalb Stunden (!) nicht mitgeschrieben, was uns da als leichter Lunch serviert wurde. Aber sie wollen das Menü per Mail nachreichen und natürlich werde ich es dann hier ergänzen. Für Katha wurde jeder Gang auf veganisch übersetzt. Da fehlen dann ein paar Silben auf dem Teller, aber sprachlos macht einen so ein Essen bestimmt nicht. Im Gegenteil.

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Für mich ist vegane Ernährung keine Option, aber sehr wohl ein Thema. Dank meinem italienischen Erbe verwende ich mit einer ungezwungenen Selbstverständlichkeit, Gemüse, Hülsenfrüchte, Pasta, Reis und Polenta. Damit ist mein Speiseplan über lange Strecken veganer, als mir vermutlich bewusst ist.

Vor Jahren hatte ich mich übrigens bewusst gegen Fleischkonsum entschieden.

Die Erkenntnis, mit welchen Methoden Tiere aufgezogen werden und mit welchen Mitteln Fleisch behandelt und konserviert wird, bremste meinen Appetit  erheblich.

Mein Umfeld litt ein bisschen mit mir – und auch an mir. Weil sich Einladungen mangels valablen Alternativen als Herausforderung erwiesen. Nach ein paar Jahren musste auch ich eingestehen, dass der Verzicht auf Fleisch für mich einen grösseren Stress darstellte, als sich einem moderaten und bewussten Konsum hinzugeben.

Und so wurde ich vom überzeugten Vegetarier wieder zu dem, was der Mensch per se nun mal ist: Ein opportunistischer Allesfresser.

Das schliesst selbstverständlich nicht aus, dass man sich vor dem Einkauf seiner Lebensmittel Gedanken über die Herkunft und deren Produktion macht und Vernunft walten lässt.

Schlussendlich muss aber jeder seinen eigenen Weg finden – je weniger Erde er dabei verbrennt, desto besser für alle Beteiligten.

Auf ihrer veganen Expedition hat sich Katha – brillante Netzwerkerin, die sie ist – abends dann eine illustre Runde Kulinariker für ein veganes Menü in ihr liebstes Wiener Lokal bestellt, um allem voran die sensorische Erfahrung mit anderen zu teilen. Auch da durfte ich mich dazusetzen und mich an der Gesellschaft wie am Gebotenen sehr erfreuen.

Meinrad Neunkirchner macht aus dem «wos i hoit grad do hab» wie er lässig sagt, sehr souverän und handwerklich sehr aufwändig richtig gutes Essen. Damit meint er natürlich, was jetzt gerade aus der Umgebung Frisches zu bekommen ist.

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Und das ist nicht wenig. Ein Produzent unweit der Stadt erntet für ihn um diese Jahreszeit sogar Brenn- und Taubnessel.

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Da muss man sich schon richtig anstrengen, wenn man den veganen Faden nicht verlieren will. Da gibt es nichts, was auch nur im Ansatz etwas ersetzen oder imitieren will. Das hat Geschmack, das hat Biss, das hat Sättigendes.

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Und «an Schalk» hat er auch: Er gönnt der Katha nämlich sogar den Honig. Bloss, dass es halt kein Bienenhonig ist, sondern ein Löwenzahnhonig!

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Rote Rüben mit Pumpernickel, Kren und Vogelmiere. Gefüllte Zwiebel mit Navetten und – da ist er – Löwenzahnhonig.

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«Des gehd si scho aus.» Mein neuster liebster Austriazismus. Auch wenn er a bisserl inflationär eingesetzt wird.

Fast schon mit schlechtem Gewissen, habe ich mir dann noch einen Besuch ohne Katha beim angesagten Konstantin Filippou gegönnt.

Ich hab mindestens eine der drei marinierten Sardinen – die du ja so magst – auf dein Wohl verschlungen, liebe Katha!

Neugriechisch ist die angesagte Küchensprache bei Konstantin Filippou.

Wie bei einem traditionellen Stifado fehlt der Zimt in der Sauce auch bei der modernen Interpretation nicht.

Also wie gesagt – mit solchen Lokalen ist es schon recht gut auszuhalten in Wien.

Ach so. Mein persönliches Resümee in Sachen veganes Essen? Passt eh. Was Unsinn ist: Missionieren, Fisch oder Fleisch imitieren wollen (vegane Würste und Burger) und die Idee, vegane “Produkte” seien per se gesund.


Schlicht ist perfekt genug

Noch vor dem Frühstück diese Film-Delikatesse dank einem Post von Shoko Kono auf Facebook angeschaut und jetzt für den Rest des Tages magisch angetan.

Abgesehen von der Hingabe, der Freude und der Demut, mit der hier Essen zubereitet und eingenommen wird, beeindruckt mich einmal mehr, dass viele Japaner anscheinend wie niemand sonst es verstehen, sich auf einen einzigen Bissen zu konzentrieren.

Die ganze Aufmerksamkeit auf dem Teller gebührt diesem einen, einzelnen Gang. Nicht nur bei Sushi. Mit oft nur einem Bissen oder einer Hauptzutat auf dem Teller. Nichts soll davon ablenken. Keine Beilagen. Keine unnötige Garnitur.

Die verschiedenen Zutaten werden nicht einfach wie es gerade kommt oder beliebt untereinander gemischt, sondern einzeln aufgetragen. Oder ganz präzise aufeinander abgestimmt. Aus einer handwerklichen Tradition. Aus einer regionalen Verwurzelung. Und zurückhaltend gewürzt. Oft nur mit einem Hauptaroma. Nichts wird in Sauce ertränkt.

Und irgendwie muss ich dabei auch immer an westliche Spitzengastronomie denken und Vergleiche dazu anstellen. Obwohl mir das gar nicht ansteht. Ich bin nicht berufen, das zu beurteilen. Und ich will die Leistung und Kreativität auch keinesfalls misswürdigen.

Und doch. Wie albern und streberhaft kommen mir dabei gewisse Kompositionen vor. Diese essbaren Landschaften mit den unausweichlichen Kresseblättchen (viele davon kommen alle vom selben Produzenten – aus Holland).

Diese babylonischen Türmchenbauten auf den Tellern. Dieses hoch kompetitive Abzielen auf noch komplexere, noch kompliziertere und noch krasser kontrastierende Gerichte.

Warum dieses Obsessive bei jedem Gang? Müssen wirklich alle nur erdenklichen Texturen unbedingt in jedem Gang abgebildet werden? Alle diametral maximal auseinanderliegende Aromen, Säuren und Süssen „harmonisch“ aufeinander abgestimmt werden?

Sind wir denn wirklich so hyperkinetisch essgestört, dass uns Essen langweilt, weil es all diese Spitzen nicht hat? Weil es, wie es der Erzähler im Film beschreibt, einfach nur im Mund schmilzt. Muss denn wirklich jeder Bissen im Mund explodieren, damit er nicht als banal abgetan wird? Kann nicht auch einfach nur die Perfektion der Schlichtheit kulinarisch überzeugen?

Und dann diese angesagten Gastronomiekonzepte – die ich zwar sehr liebe, ich gebe es zu, weil ich die Reduktion liebe und nun mal leider nicht einfach so schnell nach Japan zum Essen reisen kann kann – wie zum Beispiel das Dos Palillos in Barcelona. Aber die ja im Grunde nur die japanische Kultur nachäffen.

Mit ihren Dashis, Sashimis, Tatakis und Ponzus. Würde mich nicht wundern, wenn die Japaner sich darüber nerven oder ihren von schlichten Köstlichekeiten gefüllten Bauch vor Lachen halten müssen.

Und dann denke ich wieder, sei doch einfach froh, dass die kulinarische Welt zusammenwächst. Dass sich Esskulturen ergänzen und bereichern. Dass wir lernen, Wert auf gutes Essen und sorgfältige Zubereitung zu legen und dabei auch Neues und Spannendes entsteht. Dass kulinarisches Wissen geteilt und zugänglich gemacht wird.

Hashtag: Wieder mal aufgewühlt und ratlos in Sachen Esskultur.


Den Sonntag suchen und zulassen.

Wer keine Familie hat, die sonntags konsistent kocht, sucht sich eben seine eigene.

Im Mai habe ich schon über diesen Hot Spot alla Milanese geschrieben. Heute habe ich im «Aromando Bistrot» in Mailand das zu einer neuen Tradition erkorene traditionelle Sonntagsmenü genossen.

Für 38 Euro gibt es einen vorzüglichen Viergänger inklusive Wasser und Caffè:

Zum Auftakt werden auserlesene Salumi serviert. Heute waren dies eine zwei Jahre gereifte Pancetta – ein Bauchspeck von unglaublich schmelzig-würziger Konsistenz, der es locker mit feinstem Lardo aufnehmen kann.

Dazu reinste Schweinefleisch-Salami, die über eineinhalb Jahre reifen durfte.

Sommelier Savio Bina ist ein perfekter Gastgeber mit wohldosiertem Charme. Seine Stärke ist aber seine narrative Seite, die er gerne und durchaus handfest auslebt, wenn man ihn in die Richtung anschubst.

Bei einem wissenshungrigen Gast wie mir kann das leicht ausufern und meine Familie auf eine harte Geduldsprobe stellen.

Gut, dass sie sich mit der wahrscheinlich besten Mortadella, die uns je serviert wurde, ablenken können.

Handwerklich und nach einem traditionellen Rezept hergestellt. Und so gar nicht mit grossen Fettaugen gespickt, wie industriell hergestellte Mortadella. Und vor allem ohne Pistazien «che non c’entra niente, il pistacchio!» die nichts verloren haben da drin.

Es folgen die unumschiffbaren Cappelletti in Brodo. Eine gehaltvolle Brühe mit frischer Pasta ist der Anker jeder italienischen Sonntagsküche. Hier in Perfektion in der grossen Suppenschüssel, zum selber Nachschöpfen, aufgetischt – und zum Eintauchen in Kindheitserinnerungen, Tradition und tröstlicher Zufriedenheit.

Die Grundlage der komplexen Bouillon – die zusammen gekochten Fleischsorten – werden sodann zum Hauptgang als Bollito misto auf einer Platte mit Suppengemüse, Mostarda, Salsa Verde, Mayonnaise und Schalottenjus aufgetragen.

«Was haben wir denn da alles Schönes ?» frage ich, und rate: «Perlhuhn, Hühnchen, Cotechino-Wurst, Rippe, Zunge und Bäckchen vom Rind und vermutlich Kalb?»

«Kalb?» wiederholt er mit verstörtem Blick. «Kalb? Absolutes Nein! Kalbfleisch verwenden wir  niemals! Aus Prinzip nicht. Dieses Tier hat kaum gelebt, das Fleisch kaum Kraft und dann soll man es schlachten? Nein, dagegen verwehren wir uns also wirklich entschieden.»

Auf die Gefahr hin, dass ich mich hier wiederhole: Ich liebe Gastronomen mit einer dezidierten Haltung!

Seine Frau Cristina eröffnete unseren Söhnen bei der Getränkebestellung milde aber bestimmt, dass sie keine Süssgetränke von ihr bekommen.

«Wir unterstützen keine industrielle Getränkeindustrie. Wollt ihr stattdessen einen frisch gepressten Fruchtsaft?»

Ihren hausgemachten Apfelkuchen, von dem man sich selbst schneiden darf, lieben wir alle.

Den erfüllenden Sonntagslunch lassen wir uns gute vier Stunden gefallen.

Ich entlocke dem Vintage-Porzellan-Aficionado Savio Einkaufstipps in Milano und unterhalte mich über Produzenten, Tischkultur oder Kochbücher und frage ihn beiläufig: «Welches deiner Olivenöle schmeckt dir nun besser, das sizilianische oder das apulische?»

«Hm, darüber habe ich gerade letzte Nacht mit meiner Frau gesprochen …» «Moment, Moment!» werfe ich ein, «du unterhälst dich nachts echt mit deiner Frau über Olivenöl?»

«Mein Gott, hab ich das wirklich gesagt?» entfährt es ihm. «Ich bin wirklich ein Spinner!» lacht er.

Ja, ich auch. Da haben sich wohl zwei gefunden. Wir sind zwar nicht verwandt. Aber irgendwie gehören wir derselben Familie an!


Kein Esel ist, wer Esel isst.

Stracotto di Asino

Ortsübliches Mittagessen in Brescia: Geschmorter Esel mit Polenta.

Diese Italiener. Kennst du einen, kennst du sie alle. Auf diesen Trugschluss könnte kommen, wer sich ausschliesslich in italienische Restaurants ausserhalb Italiens begibt. Wo man sogenannt klassische (für mich ist es klischierte) italienische Küche serviert. Oder, im Falle pedantischer Nobelitaliener, so etwas wie eine aufgeblasene Parodie der einfachen Produkte.

Kein Wunder, werfen windige Werber noch immer ungestraft den hohlen Slogan «Schmeckt wie beim Italiener» um sich.

Geht doch mal nach Brescia in die Osteria al Bianchi. Da kommt die Wahrheit noch ungeschminkt auf den Teller. Das darf ruhig ein bisschen weh tun.

Eingang Bianchi

Der Laden brummt ordentlich über Mittag. Der Tresen könnte mit einem Wettbüro verwechselt werden, so laut bellen sich die Gäste, lachend, mampfend und Aperitivo trinkend an.

Es lag demnach nicht alleine an dem einen Glas zu viel vom feschen Franciacorta, dass meine Birne danach elendiglich pochte.

Geschmorter Esel, Stracotto oder Brasato d’Asino, ist ein Fixstern im Bianchi, das sich ganz den traditionellen Gerichten aus Brescia widmet. Butterzart, fleischig und strotzend vor schmelzigem Kollagen.

So könnte auch gutes Rindsgulasch schmecken. Aber, eben, das hier ist Fleisch vom Esel. Und das ist hier total in Tagesordnung.

Gerade heute habe ich einen Koch gefragt, der ursprünglich aus Bergamo kommt: «Du, esst ihr in Bergamo auch Eselfleisch?»

Ha! Das geschockte Gesicht hättet ihr sehen sollen. «Eselfleisch?!?» Wie ich denn auf so was komme. Er habe noch nie Eselfleisch gegessen.

Nun gut. Eine Minute vorher hat er noch munter von Polenta e Osei gesprochen. Dem traditionellen oberitalienischen Gericht mit Singvögeln(!), das im gerade mal 53,9 Kilometer von Brescia entfernten Bergamo gegessen wird. «Jetzt ist wieder Saison. Da spannen sie die Netze zwischen den Bäumen und fangen die kleinen Dinger.» Aber das nur nebenbei.

Pappardelle al Guanciale

Bianchis Pappardelle al sugo di Guanciale (Speck von der Schweinebacke) sind ein rustikales Gedicht.

Nicht minder rustikal ist der Kellner alter Schule. Klein Sohnemann macht sich eben freudig über seine üppige Portion in Olivenöl schwimmende Tagliata her, als er an den Tisch herantritt und meint: «Wie ist das Fleisch? Der Gast da drüben sagt, es sei zäh.»

Tagliata

Sohn zuckt mit den Achseln.

Ich probiere von seinem Teller: «Ist okay. Mmh, nicht gerade superzart, aber okay.» «Ecco, dann ist es zäh! Der Metzger hat ein schlechtes Stück geschnitten, basta. Bei uns isst Ihr Sohn kein zähes Fleisch. Er kann sich von der Karte aussuchen, was immer er möchte», zieht ihm den Teller unter der Nase weg und zirkelt ihn zur Küche. Immun gegen jedwelche Beteuerungen, dass das doch wirklich nicht nötig und das Fleisch völlig in Ordnung sei.

Aber als Gast hat man da wenig zu melden. Und Zeit für Kuschelkulinarik mit so einem Schwafler, der meint, eine Ahnung vom Essen zu haben, hat dieser Kellner weiss Gott nicht. Wo kämen wir da hin.

Weiter südlich, auf der anderen Seite vom Po (hallo, das ist eine geografische Angabe), zwischen Piacenza und Parma bekommen wir himmlische, handgefertigte Cappelletti al Asinella. Schon wieder! Diesmal mit Fleisch der Eselin gefüllte Teigtaschen. Zum Anbeten.

Cappelletti Asino

Als Antipasto hatten wir Aufschnitt, für den ich morden würde. Mamma mia!

Also erstens: Die Temperatur! Das hauchdünn aufgeschnittene Fleisch war zimmerwarm. Das Fett einladend glänzend, beinahe am schmelzen. Und das Aroma, um Welten intensiver, als wenn dir ein Wirt die kalte Platte direkt aus dem Kühlschrank serviert, als wolle er sich für irgendetwas an dir rächen.

Coppa, Culatello, Prosciutto, Pancetta, Lardo und die beste Salami seit Langem und – natürlich – aus Eselfleisch.

Salumi

Auf die Frage, wie sie denn auf dieses Eselfleisch kommen und woher sie es beziehen, meinte der Wirt bloss: «Wie meist du das, woher wir es beziehen? Das sind unsere Tiere!»

Die halten also Esel, wie andere Leute ein paar Hühner, versteht ihr? Die machen sogar Koteletts aus Eseln. Gekostet habe ich sie leider nicht.

Cappelletti in brodo

Diese Cappelletti in Brodo haben mal nichts mit Esel zu tun. Dafür könnte ich mir die Ohren lang ziehen, so gut waren die. Serviert in einer dieser unscheinbaren Osterie an der Landstrasse im Heimatland des Parmigiano Reggiano.

Meistens bedient von den Wirtsleuten der Ehemann, während die Signora mit dem Haarnetz und der Spitzenschürze in der Küche werkelt.

Sie kommt ein paar Minuten nachdem die Cappelletti serviert wurden nach vorn und erkundigt sich ob alles recht sei. Ich schwärme: «Diese Füllung! Was ist da drin?» «Parmigiano», erwiedert die Signora.

«Ja, klar, und was noch? Ricotta, Ei …» «Nichts da: Parmigiano, sag ich.» «Nur Parmigiano? Sonst nichts?» «Sonst nichts.» «Signora, ich stelle Ihnen jetzt eine in Ihren Augen bestimmt dumme Frage: Kommt der Brodo, in welchem diese Cappelletti schwimmen, zufällig von einem Bollito Misto, der seit Stunden auf Ihrem Herd blubbert?»

«Sie stellen vielleicht Fragen. Cappelletti al Parmigiano macht man immer mit der Brühe vom Bollito misto!»

Alles klar? Ich meine, für die, die es wissen wollen: Ein Bollito misto besteht aus Rindfleisch, Markknochen, Kalbfleisch, Kalbskopf, Zunge und Hunh, sowie Schweinswurst, gefülltem Schweinsfuss und noch ein bisschen Wurzelgemüse.

Und jetzt vergleich das mal mit einem Scheiss-Brühwürfel und Fertigpasta aus dem Convenience-Regal!

Ach, ich könnte noch lange schwärmen, ob dieser unschuldigen Einfachheit. Hier zum Beispiel: Wenn man als Nachspeise Frutta bestellt (was vor der Süssspeise Pficht ist, bei einem italienischen Mahl), dann bekommt man so etwas wie dieses kleine Schälchen süssester, knackigster Kirschen. Einfach so – ohne alles.

Kirschen

Nein, komm. Da mach ich einen auf Italo und gehe dafür sogar noch zur Universität – Tatsache, ich war in München an der Università del Caffè, um mich in die Kunst des korrekten Kaffebrauens einweihen zu lassen – und dann merke ich auf meinen Reisen, dass ich das kulinarische Universum Italiens noch nicht mal ansatzweise in seinen Umrissen erfasst habe.

Da wo die Kirschen serviert wurden, in der Osteria La Grotta, kam ich übrigens in den Genuss des besten gekochten Schinkens ever. Einem traditionellen Prosciutto di Praga. Im Ganzen im Holzofen gegart, mit feinen Rauchnoten. Darf nur und unbedingt von Hand aufgeschnitten werden. Eine Wucht.

Was anderes: Hab ich euch schon meine abenteuerliche Autostory zu dieser wilden Italienschlemmerei aufgetischt? Meine liebsten Autokumpels vom besten radical-mag haben sie hier veröffentlicht. Viel Spass beim Lesen.

Ah, und ja. Ich bin jetzt wider da. Ciao, ci vediamo!


Butter bei die Frische

Unschlagbar gut: Morgens frisches Brot mit guter Butter.
Unschlagbar gut: Mittags frisches Brot mit guter Butter.
Unschlagbar gut: Abends frisches Brot mit guter Butter.

Und diese Butter ist unschlagbar gut: Mit gros sel gesalzene Butter aus der Normandie. 10 Minuten von Basel auf dem Samstagsmarkt von St. Louis zu finden, beim Stand der Maison Hilpipre aus Aspach le Bas.

Das erste Mal habe ich die Butter mit dem faltigen Rand für einen exotischen Käse gehalten. Ich deutete auf den Go-Kart-Rad grossen Laib und fragte Madame: “C’est quoi comme fromage?” Darauf Madame amüsiert: “Des isch doch ke Kàs, des isch Beurre de Normandie!”

Die Butter gibt es süss, demi-sel und eben mit gros sel – ein besonderer Genuss, weil die Salzkristalle so knuspern beim Essen.

Man sollte für den Rundenstop bei Hilpipre eine Extra-Boxenzeit einrechnen. Erstens muss man sich meistens hinter einer langen Kundenschlange anstellen und zweitens braucht man Zeit, um eine gute Wahl bei den exzellenten Ziegenkäsen zu treffen, mit Madame den gewünschten Reifegrad ausgezeichneter Weich- und Hartkäse zu detektieren oder sich von der exzeptionellen Crème fraîche (für die Rhabarbertorte!) schöpfen zu lassen.

Manchmal aber, da schmeckt die Beurre de Normandie fast noch besser als der beste Käse. Einfach nur frisches Brot und gute Butter. Fertig.


Hot Spot alla Milanese

Grosses Glücksgefühl im kleinen Chinatown Milanos: Aromando Bistrot.

Das sind doch immer noch die erhellendsten kulinarischen Momente. Wenn man durch puren Zufall ein Restaurant entdeckt und schon beim Blick von aussen alle Geschmacksknospen auf Grün schalten.

Ecke Via Canonica/Via Moscati 13 in Milano ist so ein Fall.

Die Einrichtung ist mehr als eigenwillig: Liebevoll arrangiertes Wohn- und Küchenmobiliar der 50er- und 60er-Jahre. Und das keineswegs als aufgesetzter Shabby-Chic oder als eine dieser Vintage-Maschen.

Das Interior-Design entspringt vielmehr dem Gedanken einer allgemeinen Wertehaltung, den das Sommelier-Paar Cristina Aromando (was für ein Name für eine Wirtin!) und ihr Mann Savio Bina konsequent umsetzt.

Warum neues Mobiliar für die Einrichtung des Lokals ordern (und damit Energie verschleudern und Müll produzieren) wenn man Gutes erhalten und wieder verwerten kann?

Vor allem, wenn man es so witzig und gekonnt umsetzt, möchte man anmerken (zur Ablage von Handtaschen, steht bei jedem Tisch ein Kinderstühlchen, Ohrensessel oder ein Fussschemel bereit).

Nicht Blumen in Vasen schmücken den Tisch, sondern Küchenkräuter in Gläsern und Schalen. Altgediente Pfännchen kommen als Brotkörbchen zu einer zweiten Daseinsberechtigung.

Die Grissini aus Biomehl und – selbstredend – mit langer Teigführung aus dem Holzofen und gesalzene Bio-Butter sind bereits eine erste Visitenkarte.

Vieles, das serviert wird, ist Bio. Aber das ist weder Konzept noch folgt man damit einem Dogma. Das wäre kurzsichtiges Denken.

Schliesslich sind Bio-Lebensmittel je nach Produktionsbedingung nicht per se bessere Lebensmittel, schon gar nicht, wenn sie um den halben Globus geflogen werden müssen, um auf unseren Tellern zu landen.

Logischer und lobenswerter ist der Weg, den man im Aromando geht: Direkteinkauf beim Erzeuger des Vertrauens. “Wenn du mit lokalen Erzeugern arbeitest, die deine Überzeugungen teilen,” sagt Savio Bina, der in seinem Hosenträger-Look ein wenig gymnasial rüberkommt, “kommst du automatisch zu guten Produkten, die geschmackvoll, handwerklich sauber und saisongerecht sind.”

Ein weiterer Vorteil: Ohne Zwischenhandel kann die Ware günstiger bezogen werden. Dieser Preisvorteil wird direkt an die Restaurantkunden weiter gegeben.

Eben kommt Emilia mit einer Kiste frisch gestochener weisser Waldspargeln ins Lokal. Sie baut sie bei Varese, nahe der Schweizer Grenze an. Aussergewöhnlich schamckhaft. Sie werden heute Abend roh serviert. Dünn aufgeschnitten an einer einfachen Vinaigrette.

Gekocht wird leidenschaftlich und ungekünstelt. Mit einer soliden Verankerung in italienischer Tradition (sonntags werden die hausgemachten Cappelletti in Brodo wie daheim aus der grossen Suppenschüssel gereicht) aber auch mit Offenheit gegenüber Neuinterpretationen.

Der Norditalienische Küchenchef lässt gerne auch Ideen seiner Kollegen aus Süditalien, Sri Lanka und Mexico einfliessen.

Die Gemüse-Veloutés scheinen einer anderen Epoche entsprungen. Unaufgeregt, Geschmacklich unglaublich tief und samtig weich. Ein kulinarischer Hort.

Die Pasta, schlicht, mit einem – höchstens zwei Hauptaromen. Die Fleisch- und Fischgerichte präzise gegart und unprätentiös angerichtet.

Das Zicklein aus dem Ofen (eine grosszügige Portion für 20 Euro) perfekt begleitet mit Catalogna und Brennessel-Pesto. Das Entrecôte vom Chianina-Rind ist ebenso schlicht wie ergreifend. Dazu gibt es 1/2 (in Worten: eine halbe) mit etwas Fontina überbackene Kartoffel (ebenfalls für faire 20 Euro).

Zum stilvollen Aufschneiden werden diese zum Anbeten schönen Vintage-Messer von Berti gereicht.

Bei den Weinen gibt es sowohl kleine Winzer zu entdecken als auch gestandene Erzeugnisse zu geniessen. Zum Abschied schenkt uns Savio ein Probierkanisterchen von seinem Lieblingsöl befreundeter sizilianischer Erzeuger.

Eine Website gibt es übrigens keine (mehr). Es gab mal eine mit Blog. “Entweder wir betreiben ein Bistrot oder eine Website”, meint Savio. Aber wenigstens ist die Facebookseite erhalten geblieben. Dort wird auch mal stolz gepostet, dass selbst der Playboy vom Lokal angetörnt ist.

In Chinatown gibt es ausser alten Trattorie die jetzt Trattoria Cinese heissen eigentlich nichts zu sehen. Aber das Aromando ist sozusagen ein echter Glückskeks in diesem Quartier und den Abstecher dorthin hundertmal wert. Und ich wünschte mir wirklich, es gäbe in jeder Stadt mindestens ein solches Lokal.

Übrigens, sollten die Dessert nicht nach Gusto sein: Genau gegenüber gibt es die Gelateria Siciliana vasa vasa mit einer umwerfend guten Granita (ich empfehle die Kombination Mandorla und Caffè) oder cremig-knusprige Gelati und Cannoli.


Irish Beef auf gut Schweizerisch

Feuer und Flamme für richtig gutes Fleisch?

Auf die Frage, welche Schweizer Restaurants ein anständiges Stück Fleisch servieren, habe ich heute drei gute Antworten.

Kürzlich hatte ich nämlich das Vergnügen, mich gleich bei drei von zehn Member Chefs des Chefs’ Irish Beef Club Schweiz an den gedeckten Tisch zu setzen:

Restaurant OX in Interlaken, Zum Adler in Hurden und Restaurant Ackermannshof in Basel.

So unterschiedlich die Restaurants sind – alle Küchenchefs verbindet die gemeinsame Leidenschaft für qualitativ hochstehende Produkte, handwerkliche Sorgfalt bei der Zubereitung und kulinarische Kreativität.

Sie alle stehen Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit sehr nahe. Das manifestiert sich in der gepflegten Fleischauswahl lokaler Produzenten.

Auserlesenes irisches Rindfleisch schafft es aber – zum Genussglück der Gäste – auch auf die Karte. Dank natürlicher Aufzucht auf Grasweiden, optimaler Reifung und zartem, einzigartigem Geschmack.

Roman Meyer brät seine perfekt dry aged gereiften irischen Entrecôtes oder Rib Eyes im OX klassisch auf einem offenen Steakhouse Grill. Gibt ihnen ein Finish mit flüssiger Butter und würzt mit dezent geräuchertem, grossflockigem Fleur de Sel.

Besser kann man es sich nicht wünschen. Wäre da nicht die teuflisch gute Demiglace, die dazu gereicht wird – unwiderstehlich!

Bei Markus Gass, dessen Küche im Adler Hurden mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist, kommt das Entrecôte vom irischen Hereford Rind auf den Punkt gebraten mit butterzarten Artischocken auf den Teller.

Das klassische Haus steht direkt am See und die Sicht ist nicht das Einzige, was einem den Atem nimmt.

Begleitet wird der Gang mit einer himmlischen Polentacrème, die im Innern einen delikaten Schatz birgt: Ein zart schmelzendes Ochsenschwanz-Ragout an einer markigen Reduktion.

Weiter geht es zu Dominic Lambelet nach Basel. Er serviert in seinem Restaurant Ackermannshof eine seltene Schönheit:

Ein perfekt gebratenes Tomahawk vom Irish Beef. Das imposante Kotelett von der hohen Rippe mit extra langem Knochen wird am Tisch tranchiert.

Was bei einer männlichen Tischrunde unweigerlich zu einer akuten Bildung von Augen- und Mundwasser führen kann.

Die butterzarten Tranchen werden auf Spinat und Brokkolicrème gebettet. Begleitet von Kartoffelgnocchi, einer geschmeidigen Frikadelle vom Bressehuhn und einem karamelldicken Jus, den man glatt mit Gold aufwiegen könnte.

Dazu – das schätzen viele Weinliebhaber und das bietet Lambelet aus Überzeugung an – darf man in seinem Haus den eigenen Wein mitbringen und dazu geniessen.

Gross – das passt zu diesem Wohlfühl-Lokal mit dem warmherzigen Service.

Es wird beinharte Arbeit, aber meine Rekognoszierung der weiteren Chefs’ Irisch Beef Club Members wird natürlich pflichtbewusst fortgesetzt, da muss ich durch.

Ich werde meine Erfahrungen – trunken vor Genuss – gerne mit meiner geneigten Leserschaft teilen.


Blubberndes Barcelona

Kein Zweifel: Albert Raurichs Dos Palillos hat während unseres Barcelona-Trips Gaumen und Herz erobert. Ferran Adrià hat im Buch Where chefs eat verraten, dass er gerne dort isst. Danke dafür. Donnerstags und freitags gibt es über Mittag ein 5-Gang-Spektakel für unglaubliche 22 Euro – das Restaurant wurde kürzlich mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

Das MACBA ist nur einen Steinwurf entfernt und so war es keine Kunst, nach unserem Museumsbesuch das Lokal im Raval zu finden. Eine Reservation ist allerdings sehr ratsam.

Wir hatten Won Tons mit Schwein, marinierte rohe Makrele, Huhn mit Ei, Reis, Nori und Frühlingszwiebel, einen Mini-Beef-Burger mit Shizo und eine eisgekühlte Mangomousse.

Man umringt auf Barhockern die Quadratur des neuen Kochens und geniesst das konzentrierte Werkeln der Brigade. Es ist so simpel: Mehrere Köche bereiten laufend Gerichte zu, setzen diese dem Gast vor und parlieren dabei total ungezwungen darüber. Schnell kommt man dabei ins Schwärmen und denkt den naiven Gedanken: Warum nur kann nicht in jedem Restaurant auf dieser Welt mit so viel Hingabe und Transparenz gearbeitet werden? Warum?

Gut, manchmal kippt es auch ein bisschen ins Kontemplative. Wenn ein junger Koch mit dem Fluidum eines Mode-Designers mehrere Minuten braucht, bis er in Slomo vier Makrelenstückchen auf ein Glasplättchen gezirkelt hat, muss man sich schon sehr kontrollieren, um ihn nicht mit einer akuten Tourette-Attacke einzudecken. Aber dafür hat man ja den guten Sake vor sich stehen.

Der Fokus ist klar asiatisch. Davon zeugen Produkte, Präsentation und die Präzision bei der Zubereitung. Dennoch ist es keine Doktrin und es gibt auch ansprechende Interpretationen europäischer Gerichte.

Zum Beispiel die obligaten katalanischen Manitas de Cerdo. Nur werden die Schweinefüsse zeitgemäss zubereitet: 12 Stunden sous-vide gegart und erst dann über Holzkohle langsam geröstet, hauchdünn aufgeschnitten und auf einem flachen Stein serviert.

Oder ein Tataki von der 9 Jahre alten Kuh (das Fleisch von älteren Kühen anstelle von 18 bis 24 Monate alten Rindern ist gerade sehr angesagt). Die Trockenreifung erfolgt über 3 bis 4 Monate. Getunkt werden die feinen Fleischtranchen in einer Mixtur aus Wachtel-Ei, Miso und Soja. Schlicht umwerfend im Geschmack!

Auch den gegrillten Mark-Knochen sollte man sich nicht entgehen lassen. Garniert mit feinen Flocken vom getrockneten Tuna und flankiert von einem mit Holzspänen überdeckten Stückchen Kohle. Grossartig!

Die gute Nachricht für Berliner: In der Hauptstadt gibt es einen Ableger. Ob das Flair da so geschmeidig ist wie in Barcelona, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Sowieso – und das gilt eigentlich für alle Restaurants in denen wir waren: Es tut so gut, eine Bedienung erleben zu dürfen, die professionell arbeitet, Freude zeigt und sich gleichzeitig unaffektiert und nahbar gibt.

Das Flash Flash soll ein Hot Spot für geschmackssichere Künstler und Kreative (gewesen) sein. Für das dominierend weisse Originaldekor aus den Siebzigern mit den schwarzen Blow-up-Silhouetten an den Wänden war ich irgendwie empfänglich. Und weil es der ideale Ausgangspunkt für ein Schlender-Shopping auf der Rambla Catalunya ist, landete diese Adresse auf meiner Restaurant-Liste.

Das Lokal füllt sich ab 14 Uhr bis auf den letzten Tisch mit Gästen im Alter von 60+. Der Renner sind Tortillas, die legendären Flash Flash-Hamburger, katalanische Klassiker und Cocktails.

Blöd nur, dass ausgerechnet ich die wohl schlechteste Tortilla meines Lebens serviert bekam. Einer Tagesempfehlung mit Artischokken und weisser Butifara-Wurst sollte man doch folgen dürfen, oder nicht?

Also gut, das Ding war grauenhaft. Auch farblich. Ein grauer, knapp gestockter Eierkuchen. Darin dunkelgraue Artischokkenlappen. Optisch und geschmacklich etwa so appetitlich wie nasse Sportsocken, die man eine Woche in der Trainingstasche vergessen hat.

Die tonangebende Note allerdings steuerten die ranzigen Butifara-Stückchen bei. Ich habe aus reinen Forschungszwecken gut ein Viertel der Tortilla gegessen und es ist mir ein Rätsel, warum ich nicht mit einer Lebensmittelvergiftung im Spital gelandet bin. Ja, ich hatte noch nicht mal den Hauch einer Magenverstimmung. Anscheinend muss diese Tortilla so schmecken!

Der Pies de Cerdo, ein katalanischer Klassiker, war okay. Aber man muss das schon mögen. Ist ja vor allem fast kein Fleisch, dafür viel Bindegewebe. Der gekochte Schweinefuss wird über einem Grill knusprig karamellisiert und kitzelt die Knabberfreude mit einer würzigen Meersalzkruste.

Kommentar meines zehnjährigen Sohnes: «Schweinefuss? Wegen dir muss jetzt so eine arme Sau ein Leben lang hinken!»

Abends dafür ein Volltreffer im La Cuina d’en Garriga (muchas gracias an Kommentator Christian Meyer für den Tipp!). Wollte man einen Liebesfilm mit Javier Bardem drehen, würde er in diesem romantischen Lokal glaubhaft den charmanten Wirt geben.

Halb Delikatessgeschäft, halb Restaurant mit kleinen Tischen, findet sich im hinteren Teil eine Art Table d’Hôte an der bis zu 10 Personen sehr zuvorkommend bedient werden. Die Karte ist angenehm übersichtlich. Hat man Lust auf, sagen wir, Pimientos, die nicht auf der Karte stehen, sieht der Koch kurz in der Gemüsekiste vorne im Laden nach, greift er sich einen Teller voll und Minuten später stehen sie mit weiteren Tapas auf dem Tisch. Perfekt!

Diesmal lag unsere Wohnung gleich hinter der Uni. Das ist praktisch, denn Studis lieben es ja, gemütlich zu frühstücken. So finden sich in der Umgebung einladende Cafés wie das mit allerlei Kunst und Kreativem bestückte Cosmo

oder die Bäckerei Forn La Llibreria mit der schönen Idee, eine Buchhandlung in eine innovative Bäckerei mit traditionellem Handwerk zu verwandeln. Die Kunden dürfen sich zum Gebäck gratis ein Buch aussuchen – oder auch welche schenken, wenn sie ausgelesen sind.

An einem sonnigen Februartag gibt es eigentlich nur eine Destination, wenn es zum Mittagessen geht: Ans Meer! Von all den mehr oder minder schlimmen Touri-Fallen in Stadtnähe gefällt mir das Sal Cafe sehr gut.

Man sitzt auf der Holzveranda direkt über dem Sandstrand, atmet den Ozean und die Coolness des deluxe beach bar restaurant wie sie sich selbst definieren. Und geniesst etwas aus dem Wok oder eine Paella und die obligaten copas de vino blanco, mit dem man sich alles gleich alles noch ein bisschen schöner trinkt.

Ob es wirklich einer der besten Japaner in Barcelona ist, kann ich nicht beurteilen.

Aber zum ausgezeichneten Essen im El Japonés gibt es das besondere Passeig de Gràcia-Flair kostenlos dazu. Eine solide Adresse, bei der man nichts falsch machen kann. Nimmt leider keine Reservationen.

Carles Abellán war lange Jahre Begleiter von Ferran Adrià, bevor er sich mit seinen Projectes 24 selbständig machte.

In seinem Commerç, 24, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist, serviert er quasi die Quintessenz seiner kulinarischen Kompetenz. Die anachronistischen Molekular-Kapriolen haben Platz gemacht für etwas mehr geerdete und zugänglichere Kreationen.

Kompromisslos hohe Produktqualität, zeitgemässe Zubereitung und Reduktion aufs Wesentliche. Und das zu einem fairen Preis. Wir lassen uns das 7-Gang Festival Menu mit 5 Nachspeisen zu 84 Euro auftischen.

Gestartet wird mit Snacks und einer veritablen Performance von Sommelier Antonio. Er trägt einen perfekt sitzenden schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd, schwarzer Krawatte und ähnlich markante Gesichtszüge wie Jude Law.

Nachdem sich unsere Kinder eine Coke geordert haben, erscheint er mit einem edlen Serviertablett und macht sich an die Operation Cola.

Dazu reibt er grosse, dünnwandige Tumblergläser minutiös mit Streifen von der Zitronenschale aus. Er benutzt dafür Ess-Stäbchen. Dabei erklärt er, dass die Säure der Zitrone sehr aggressiv sei und deshalb in der Cola unerwünscht. Die äussere gelbe Schale biete jedoch exakt die Konzentration an Aroma, die sich so gut mit Cola verbinde.

Das Zeremoniell dauert ungelogen fünf Minuten. Dann versenkt er übergrosse Eismocken im schwarzen Gebräu. Und von nun an werden wir wohl ein Problem haben, wenn wir unseren Buben eine gewöhnliche Cola hinstellen.

Damit wir uns richtig verstehen. Diese Einlage hatte nichts Affektiertes. Es waren einfach dedizierte Handgriffe eines Profis. Genau so gut (und gerne) hätte ich einem Velomech zuschauen können, wie er Radschläuche wechselt.

Das minimalistische Intérieur variert von knallig gelb zu knallig rot und  kontrastiert mit dezentem Anthrazit. Leider war es an unserem Tisch so dunkel, dass ich keine Bilder machen konnte. Die PR-Verantwortliche war aber so freundlich, mir einige zukommen zu lassen.

Bei den Snacks überraschten Sashimi vom Kabeljau mit schwarzem Knoblauch und schwarzem Sesam, Ceviche von der Morchel, in Ingwer eingelegter Blumekohl und eine Filorolle gefüllt mit Parmesanschaum.

Wenig Begeisterung entlockte die „Pizza“ mit Walderdbeeren, Tomaten, Anchovies, Bufala und Rucola oder die Essenz von der Totentrompete.

Im Menu überzeugten marinierte Sardelle mit Orange und Wasabi, ein umwerfendes Tuna Tatar, die „Kinder-Überraschung“ ein Ei gefüllt mit flüssigem Eigelb, festem Eiweiss, Trüffel und Kartoffelschaum, Dorsch mit Mangold und Kichererbsen, die umwerfende Kombination aus Entenreis, Entenlebermousse und gerösteten Maisschrot.

Weniger gelungen eine heisse Bowle zum riechen von mediterranen Kräutern bevor der etwas enttäuschende Weissling mit Vinaigrette-Espuma aufgetragen wurde.

Eine Bombe dann aber zum Schluss: Ein traumhaftes Kalbsbäckchen mit eingelegtem Rambutan(!)

Die Desserts wie Ice Tea mit Ananas und Zitronensorbet, Safran-Eis mit Karamell und Variationen von Schokolade verblassten danach leider etwas.

Was soll man sagen. Viel gesehen und viel gegessen in Barcelona. Aber längst nicht genug. Wir kommen wieder. Danke an meine Leserschaft für die Tipps im Vorfeld! Ich sammle gerne weiter für den nächsten Trip. Fins després!


Sterne fuer Sterbliche

Äuä gäng guet: Mittagsmenü im Emmenhof, Burgdorf

Ich habe bei einem Sternekoch gegessen, aber nicht so. Und ich bin Porsche gefahren, aber nicht so.

Das waren zwei Wochen ganz nach meinem vorweihnachtlichen Geschmack. Ich durfte leihweise ein grosses Spielzeug für grosse Jungs auskosten: Porsche. Panamera. Diesel.

Die Frage, die mich dabei beschäftige: Wird man zum Arschloch, wenn man Porsche fährt, oder sind es bloss die anderen, die das so sehen?

Die Antwort und ein paar quere Gedanken dazu sind  in meinem liebsten Lesestück für Freude bringende Fortbewegungsmittel, radical-mag, zu lesen.

Die Fahrzeug-Rückgabe ging in Burgdorf, Ämmitau, über die Bühne. Und zwar gekrönt von einem himmlisch geerdeten Mittagessen im Emmenhof.

Bravo, Werner Schürch! Als Sternekoch serviert er hinten Häppchen für Gourmets und vorne Happiges für Gourmands. Und in ebendieser holzigen Gaststube bekommt man für kleines Geld noch echt von Hand gezimmerte Mittagsmenüs.

Man geht hier sehr unzimperlich mit Qualität um: Es kommt einfach nur das Beste auf den Tisch. Regional, saisonal, frisch und selbstverständlich selbst gemacht.

Ich hatte die beste Tagessuppe, die man sich wünschen kann (wisst ihr noch, was ich letzthin über anständige Suppen geschrieben habe? Eben.)

gefolgt von einem soliden Menüsalat.

Aus der Auswahl von etwa zehn Hauptspeisen, habe ich suuri Kalbsläberli mit Rösti gewählt. Einer Rösti, wohl gemerkt, die dir das Wasser in den Mund und die Tränen in die Augen treibt, so knusprig und buttrig war die.

Und egal, ob man jetzt das Cordon Bleu mit den handgeschnittenen(!) Pommes frites und frischem Gemüse nimmt, Ragout, Fisch oder eben die geschnetzelte Kalbsleber bestellt, es kostet immer gleich viel.

Nämlich – moment, ich muss Anlauf holen – neunzehn Franken fünfzig!

Also, wer in der Gegend ist: hingehen. Aber vorher reservieren! Der Parkplatz ist doppelt und dreifach belegt (nicht nur mit Porsches).

Boom biddy, bye, bye, Panamera. Du hast mich ganz schön in Fahrt gebracht.


Kleiner Rahmen, grosses Kino

Am Tag an dem ich den Anruf bekam, kam richtig Freude auf.

Ich hatte soeben einen Job vom Irish Food Board, Bord Bia, erhalten. Der ehrenvolle Auftrag: Schweizer Spitzenköche für die Gründung des Chefs’ Irish Beef Club Schweiz zusammenzubringen.

Ein paar Tage später stand ich mit Kolja Kleeberg, Thomas Kammeier und Marco Müller auf dem Rasen der privaten Residenz des Irischen Botschafters in Berlin Grunewald.

Oh, Danny Boy – Champagner und Petites Bouchées gehen erstaunlich gut zu einer Parkvilla im Bauhaus-Stil. Und Berlin, nebenbei, zeigte sich im Baströckchen. An diesem milden Mai-Abend sorgten 30 Grad für eine geschmeidige Club-Stimmung.

Ich dachte ja, bei der Gründung des Chefs’ Irish Beef Club Germany wären bestimmt an die 100 Gäste geladen. 19 waren wir dann insgesamt. Ein gebührender Rahmen, um den Austausch unter Aficionados von Irish Beef zu zelebrieren.

Für die Gründung des Schweizer Clubs am 29. Oktober hatten sich die Iren Schnee gewünscht. Ich habe ihr Klischee belächelt und erklärt, dieses Jahr sei der Oktober extrem mild und im Moment wäre praktisch immer noch Sommer.

Aber Fairytales werden auch mal wahr und in der Nacht vor dem Gründungs-Lunch warf es generös Schnee bis ins Flachland. Was unter anderem leider einige von der Feier abschnitt. Von den zehn ausgewählten Schweizer Küchenchefs waren sieben bei der Gründung anwesend.

Umso gemütlicher dafür die Stimmung am Kachelofen und im Gourmet-Stübli bei Gastgeber Tobias Funke in seinem Obstgarten in Freienbach.

Eine richtiggehend konspirative Clubgründung bei einer Degustation von irischem Whiskey und einem fantastischen Grand Irish Menu:

Apéro: Fisherman’s Pie, Parsley Soup, Black Pudding, Egg Ice with Caviar and Bacon Foam. Dazu Champagne Delamotte, Blanc de Blanc.

Amuse: Alpen-Saibling, Cipollotti, Rote Zwiebel Sauce,  Cipollottiwurzel im Tempurateig, in Holzkohle gegarte Stachis. 

Tobias Funke kocht auf 16 Gault-Millau Punkten. Richtig glücklich ist er, wenn er mit seinen Kreationen bei seinen Gästen punkten kann.

Jakobsmuschel gegart, gegrillt und als Carpaccio, Gurke, Traube. Dazu 2010 Grassnitzberg, Tement, Südsteiermark.

Schöner Scherbenhaufen: Drei Variationen von der Jakobsmuschel auf zersägten Tellern zu einem perfekten Gang inszeniert.

Hat sich vermutlich noch kein Ire je so einverleibt: Modern Interpretation of Irish Stew (zarteste Lammschulter, 48h sous-vide gegart). Dazu 2008 Blaufränkisch Reserve, Krutzler Südsteiermark.

Dry Aged Hereford Côte de Boeuf. Dazu 2009 Sondraia, Poggio al Tesoro.

Kürbistörtchen mit flüssigem Bierkern, Baileys, Bolivia Chocolate. Dazu 2008 Chardonnay Beerenauslese, Tschida, Neusiedlersee.

Iren können auch Käse: Ziege, Kuhmilch, Blauschimmel.

Es gibt keine finanziellen Vorteile für die Member Chefs, dafür umso mehr ideelle. Die überzeugten Botschafter von Irischem Rindfleisch werden sich gemeinsam in Workshops über Tradition, Produktionsbedingungen und Qualität austauschen.

Nächstes Frühjahr steht eine Studienreise nach Irland auf dem Programm. Das A und O, um hinter die Geschichte von Irish Beef zu kommen.

Die Gründungsmitglieder des Chefs’ Irish Beef Club Schweiz, von links:

Bilder: Flurin Bertschinger, Ex-Press AG



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