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Fond: Der Knochenjob

Kalbsknochen

Für gehaltvolle Fondresultate braucht es volle Konzentration.

Und was sonst? Klar, Knochen, Gemüse, Wasser und Zeit. Viel Zeit sogar. Und was braucht es alles nicht? Viel. Aber das herauszufinden ist gar nicht so leicht.

Wenn man Cesare Giaccone fragt, nicht einmal Knochen. «Knochen sind etwas für Hunde» lässt er sich von Jeffrey Steingarten zitieren. Für seinen fondo bruno kommt nur kräftig angeschmortes Kalbfleisch, Suppengrün und Rosmarin in Frage. Na ja, jedem das Seine, vor allem wenn mans im Überfluss hat, denk ich.

Von Schuhbeck befolge ich folgenden Rat: Kräuter niemals mitkochen. Sie werden nur bitter. Das ist als wenn man Tee stundenlang ziehen lassen würde. Das trinkt ja kein Mensch. Deshalb: Thymian, Rosmarin, Majoran, Nelken (ich zähle auch Petersilie dazu) oder was man auch immer mag, nur am Schluss zum aromatisieren zugeben und nach 10 Minuten wieder entfernen.

Anthony Bourdain hingegen ist ein charmanter Schummler. Er gibt eine grosszügige Wurst Tomatenmark und Mehl zu den Knochen, um das Röstaroma aufzumotzen. Und er steht auch dazu – wer schummelt schon nicht gerne?

Alain Ducasse? Jenseits. Ich glaube, ein grosser Service bei Rolls-Royce ist schneller erledigt, als seinen Anweisungen für Sucs, Jus, Fonds etc. zu folgen.

Die besten Sterneköche schwören auf ihre eigenen Fonds. Jeder macht sie etwas anders (respektive deren Sauciers). Aber keiner verratet genau wie. Ich hab keine Sterne (was für ein Glück für meine Leserschaft!), deshalb sei es hier hinaustrompetet:

Reduce to the max

Ich mag gerne sehr dunklen Kalbsfond. Als Vorstufe für Demi-Glace. In Eisbeutel gefroren eine ideale Basis für kräftige Rotweinsaucen von bonbonartiger Konsistenz oder zum aufpimpen von Suppen und verlängern von Bratenjus.

Dazu nehme ich:
1 Kilo Kalbsknochen (davon 200 g Kalbsfüsse)
Mirepoix aus 6 Zwiebeln, 3 Karotten und 2 Sellerierippen
2 Lorbeerblätter (werden nicht bitter, weiss auch nicht wieso)
10 Pfefferkörner
1 Esslöffel Tomatenmark

Ich mag keinen Lauch in meinem Fond. Kein zusätzliches Wurzelgemüse, Champignons (!) Kohl und schon gar keinen Knoblauch. Und wie erwähnt, auch keine zusätzlichen Kräuter (ist mir eh rätselhaft, wieso man seinen Fond von Anfang an in eine bestimmte Richtung kippen soll, mit Rosmarin zum Beispiel. Mit einer neutralen Basis lässt sich später jedes weitere Aroma besser steuern, ob zu Lamm, Rind, Kalb oder was auch immer).

Als erstes werden die Knochen gut gewaschen oder kurz blanchiert. Getrocknet und auf einem Backblech mit wenig Öl (ich nehme Maiskeim) bei 200 Grad geröstet (kein Tomatenmark, kein Mehl; man hat einfach die bessere Kontrolle über den Röstvorgang). Das geht etwa eine halbe Stunde.

Knochen herausnehmen und komplett erkalten lassen. In einem grossen Topf das Mirepoix mit wenig Öl gleichmässig anrösten. Etwa 10 Minuten. Dann das Tomatenmark dazu. 2 Minuten mitrösten: sobald der süsse Geruch einem angenehmen Röstaroma weicht vom Herd nehmen. Schmeckt es bitter, hat man zu lange geröstet und alles wandert in den Müll: Anfängerpech.

Die abgekühlten Knochen und das Röstgemüse mit 7 Litern eisgekühltem Wasser (entzieht den Knochen anscheinend einen Tick mehr Geschmack) übergiessen. Lorbeer und Pfefferkörner dazu und alles zum Aufkochen bringen. Sobald die ersten Blasen aufsteigen Hitze reduzieren und von jetzt an NIE mehr zum kochen bringen. Nur noch simmern lassen. Und zwar 10 (in Worten: zehn) Stunden lang. Immer wieder Schaum abschöpfen.

Nach mehrmaligem (meine Lieblingszahl ist fünf) entfetten mit Küchenmull hat man etwa noch 3 Liter Brühe. Die könnte ich sofort austrinken, so betörend riecht die. Besser man friert sie als Basis für Risotto oder Suppen ein. Gesalzen wird erst nach Einsatz im entsprechenden Gericht.

Solls weiter gehen in Richtung dunkler Fond, wird eine Flasche Rotwein mit vier, fünf grob geschnittenen Schalotten auf die Hälfte reduziert. Dann durch ein feines Sieb zum Fond gekippt und weiter drei Stunden – knapp unter dem Siedepunkt! – auf 1 bis 2 Liter reduziert, je nachdem, wie reduziert man es mag.

Nach dem Auskühlen in einem kalten Wasserbad in Eisbeutel abfüllen und einfrieren.

Eisbeutel

Der erste Einsatz gilt dann – ein kleines Ritual – einem Stück Fleisch, dass ich ganz alleine verspeise: Frau ausser Haus, Kinder im Bett.

Gestern war das ein Lamm-Coquille von 250 Gramm. Beidseitig 3 Minuten in Butterschmalz gebraten. Gesalzen, gepfeffert. Kurz vor Schluss 2 zerdrückte Knoblauchzehen und ein Rosmarinzweig mitschwenken. Dann ab in den 60 Grad warmen Ofen. Bratbutter und lose Bratreste aus der Pfanne gewischt. Bratensatz mit Portwein deglaciert. 4 Fondwürfel aufgelöst und einreduziert. Ein Esslöffel alten Balsamico dazu. Mit geeister Butter montiert. Und dann diese klebrige Melasse zur ersten Portion der aufgeschnittenen Fleischmedaillons auf einen vorgewärmten Teller gegossen.

Als Beilage eignet sich absolute Ruhe, frisches Brot und eine Flasche Rotwein.

Ich bin überzeugt, das ist dann mindestens so gesund wie 2 Stunden meditieren.

Lamm-Coquille


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  1. fressack am 2. Februar 2008 at 02:42:

    Und der Veganer atmet stattdessen.

    -
  2. Claudio am 2. Februar 2008 at 12:25:

    Ja, aber schön langsam, sonst kommt er noch ins Hyperventilieren.

    -
  3. Boris Zatko am 3. Februar 2008 at 10:17:

    E! N! D! L! I! C! H!

    Viele liebe Grüße

    Boris

    -
  4. Anonyme Köche » Archiv » Have you got Balls? am 8. Februar 2008 at 01:18:

    [...] eher flachen Hackchüechli gibt es mit einem Jus mithilfe meiner Demiglace und lauwarmem [...]

    -
  5. Anonyme Köche » Archiv » sunday times am 10. März 2008 at 02:15:

    [...] etwa 3 dl Rotwein abgelöscht. Reduziert der Wein auf Sirupkonsistenz kommt etwa 1 dl von meiner Demi-Glace [...]

    -
  6. Spülsklave am 22. März 2008 at 15:33:

    Was meint der werte Autor denn damit:
    “Nach mehrmaligem (meine Lieblingszahl ist fünf) entfetten mit Küchenmull”

    Stehe etwas auf dem Schlauch…

    danke

    -
  7. Claudio am 22. März 2008 at 17:57:

    Ganz einfach: Flüssigkeit von einem Behälter durch ein feines Küchentuch in ein anderes Gefäss umschütten.
    Nach funf Mal ist der Fond dann schön entfettet.

    -
  8. Spülsklave am 31. März 2008 at 22:05:

    danke claudio, hätte ich auch selbst draufkommen können…

    -
  9. Anonyme Köche » Archiv » Ein Hoch auf die Maillard-Reaktion! am 19. Mai 2008 at 02:26:

    [...] lösen und fast ganz verdampfen lassen. Dann – sofern man hat – 6 Würfel gefrorene Demiglace auflösen und auf bonbonartige Konsistenz reduzieren. Einen Viertelliter Rahm dazu und mit Salz und [...]

    -
  10. Anonyme Köche » Archiv » Schleunigst entschleunigen am 20. Oktober 2008 at 00:03:

    [...] Dann gleich noch einmal mit einem weiteren Glas Rotwein deglacieren. Wer möchte, darf ruhig etwas Demi-Glace [...]

    -
  11. Swille am 19. Dezember 2008 at 22:14:

    Hallo Claudio,
    ich habe deine Demi-Glace nachgekocht und hier verwendet:
    http://www.swilles-universum.de/index.php?option=com_idoblog&task=viewpost&id=65&Itemid=1

    Vielen Dank für das Rezept!

    Gruß Swille

    -
  12. Claudio am 20. Dezember 2008 at 17:16:

    Ei, mein Vorrat ist aufgebraucht – und das vor den Festtagen! Ich muss wieder ans Werk.

    -
  13. david am 18. Januar 2009 at 10:43:

    “Und der Veganer atmet stattdessen.”

    ich musste sooo! lachen!! genial!

    toller artikel überigens

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  14. slow media » Claudio del Principe: Anonyme Köche am 8. Januar 2010 at 16:01:

    [...] macht Spass mit Demi Glace”. Dort finden sich auch sein leidenschaftliches Plädoyer für Fonds, das meine Art zu kochen wesentlich beeinflusst hat – ich habe jetzt stets Demi Glace im [...]

    -
  15. limette am 9. Januar 2010 at 20:02:

    Mal ‘ne Frage aus der Mitte der köstlichen Brühen-Produktion (juhuu!!, I’m so gut wie there! :D ): Jetzt blubbert der Inhalt des größten Topfs des Hauses schon seit ca. 10 Stunden leise vor sich hin, aber es wird, auch ohne Deckel, nicht wesentlich weniger. Schaum abschöpfen muss ich auch nicht. Wie kommt man da von 7 l auf 3 l?

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  16. Claudio am 9. Januar 2010 at 20:56:

    Ist die Temperatur vielleicht doch zu niedrig? So lange Dampf aufsteigt, wird sich der Inhalt verringern, so viel ist sicher. Geduldig weiter simmern lassen!

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  17. limette am 9. Januar 2010 at 22:00:

    Ok, herzlichen Dank, dann gebe ich mal, buchstäblich, ein bisschen mehr Gas! Bin gespannt, wann ich bei 3 l anlange. Jedenfalls duftet es schon wunderbar!

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  18. besserEsser am 21. März 2010 at 21:57:

    Danke für das Rezept. Hat einen wunderbaren Geschmack ergeben. Das Endergebnis nach durchaus ein bisschen Arbeit sah auch so aus wie bei Dir auf dem Teller – nur leider nicht so schön fest und klebrig, eher etwas zu flüssig. Trotz geeister Butter.

    Vielleicht beim nächsten Mal, geschmacklich jedenfalls toll.

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  19. Manchmal ist es einfach Zeit für ein echtes Stück Fleisch, außerdem muss sich die ganze Mühe mit dem Fond ja auch lohnen: Rinderfilet, dazu Feldsalat mit Kartoffeldressing « BESSER ESSEN am 25. März 2010 at 09:17:

    [...] Danach kommt etwas alter Balsamico dazu, etwas später selbstgemachten Kalbsfond (nach Art des Anonymen Kochs angefertigt, man hat ja oft mal zwei, drei Tage Zeit, um etwas Fond zu machen)  - wiederum etwas [...]

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  20. Sauerbraten mit Spätzle « am 28. März 2010 at 20:19:

    [...] und wir haben das ganze Fleisch bis auf eine Scheibe verputzt! Dieses Mal habe ich 4 von Claudios “Wahnsinns-Demi Glace-Eiswürfeln” dazugegeben – die Sauce war der Hammer! Sauerbraten Menge: ca. 6 [...]

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  21. queenofsoup am 2. April 2010 at 21:56:

    das ist eine wunderschöne beschreibung. hätt ich doch gleich hier nachgesehen. mein fond wird aber glaub ich trotzdem gut: ohne anrösten, weil ichs für helle saucen zu kalbsbries etc als basis brauche.

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  22. esszimmer fünf: ostern « esszimmer am 6. April 2010 at 16:53:

    [...] de veau zu machen. das ist etwas irrsinnig befriedigendes. claudio von den anonymen köchen hat hier eine sehr schöne beschreibung geliefert, an die ich mich natürlich nicht gehalten hab, die aber [...]

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  23. die essenz « esszimmer am 10. Juni 2010 at 19:09:

    [...] was ist das? große freude. [...]

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