Hot Spot alla Milanese

Grosses Glücksgefühl im kleinen Chinatown Milanos: Aromando Bistrot.

Das sind doch immer noch die erhellendsten kulinarischen Momente. Wenn man durch puren Zufall ein Restaurant entdeckt und schon beim Blick von aussen alle Geschmacksknospen auf Grün schalten.

Ecke Via Canonica/Via Moscati 13 in Milano ist so ein Fall.

Die Einrichtung ist mehr als eigenwillig: Liebevoll arrangiertes Wohn- und Küchenmobiliar der 50er- und 60er-Jahre. Und das keineswegs als aufgesetzter Shabby-Chic oder als eine dieser Vintage-Maschen.

Das Interior-Design entspringt vielmehr dem Gedanken einer allgemeinen Wertehaltung, den das Sommelier-Paar Cristina Aromando (was für ein Name für eine Wirtin!) und ihr Mann Savio Bina konsequent umsetzt.

Warum neues Mobiliar für die Einrichtung des Lokals ordern (und damit Energie verschleudern und Müll produzieren) wenn man Gutes erhalten und wieder verwerten kann?

Vor allem, wenn man es so witzig und gekonnt umsetzt, möchte man anmerken (zur Ablage von Handtaschen, steht bei jedem Tisch ein Kinderstühlchen, Ohrensessel oder ein Fussschemel bereit).

Nicht Blumen in Vasen schmücken den Tisch, sondern Küchenkräuter in Gläsern und Schalen. Altgediente Pfännchen kommen als Brotkörbchen zu einer zweiten Daseinsberechtigung.

Die Grissini aus Biomehl und – selbstredend – mit langer Teigführung aus dem Holzofen und gesalzene Bio-Butter sind bereits eine erste Visitenkarte.

Vieles, das serviert wird, ist Bio. Aber das ist weder Konzept noch folgt man damit einem Dogma. Das wäre kurzsichtiges Denken.

Schliesslich sind Bio-Lebensmittel je nach Produktionsbedingung nicht per se bessere Lebensmittel, schon gar nicht, wenn sie um den halben Globus geflogen werden müssen, um auf unseren Tellern zu landen.

Logischer und lobenswerter ist der Weg, den man im Aromando geht: Direkteinkauf beim Erzeuger des Vertrauens. “Wenn du mit lokalen Erzeugern arbeitest, die deine Überzeugungen teilen,” sagt Savio Bina, der in seinem Hosenträger-Look ein wenig gymnasial rüberkommt, “kommst du automatisch zu guten Produkten, die geschmackvoll, handwerklich sauber und saisongerecht sind.”

Ein weiterer Vorteil: Ohne Zwischenhandel kann die Ware günstiger bezogen werden. Dieser Preisvorteil wird direkt an die Restaurantkunden weiter gegeben.

Eben kommt Emilia mit einer Kiste frisch gestochener weisser Waldspargeln ins Lokal. Sie baut sie bei Varese, nahe der Schweizer Grenze an. Aussergewöhnlich schamckhaft. Sie werden heute Abend roh serviert. Dünn aufgeschnitten an einer einfachen Vinaigrette.

Gekocht wird leidenschaftlich und ungekünstelt. Mit einer soliden Verankerung in italienischer Tradition (sonntags werden die hausgemachten Cappelletti in Brodo wie daheim aus der grossen Suppenschüssel gereicht) aber auch mit Offenheit gegenüber Neuinterpretationen.

Der Norditalienische Küchenchef lässt gerne auch Ideen seiner Kollegen aus Süditalien, Sri Lanka und Mexico einfliessen.

Die Gemüse-Veloutés scheinen einer anderen Epoche entsprungen. Unaufgeregt, Geschmacklich unglaublich tief und samtig weich. Ein kulinarischer Hort.

Die Pasta, schlicht, mit einem – höchstens zwei Hauptaromen. Die Fleisch- und Fischgerichte präzise gegart und unprätentiös angerichtet.

Das Zicklein aus dem Ofen (eine grosszügige Portion für 20 Euro) perfekt begleitet mit Catalogna und Brennessel-Pesto. Das Entrecôte vom Chianina-Rind ist ebenso schlicht wie ergreifend. Dazu gibt es 1/2 (in Worten: eine halbe) mit etwas Fontina überbackene Kartoffel (ebenfalls für faire 20 Euro).

Zum stilvollen Aufschneiden werden diese zum Anbeten schönen Vintage-Messer von Berti gereicht.

Bei den Weinen gibt es sowohl kleine Winzer zu entdecken als auch gestandene Erzeugnisse zu geniessen. Zum Abschied schenkt uns Savio ein Probierkanisterchen von seinem Lieblingsöl befreundeter sizilianischer Erzeuger.

Eine Website gibt es übrigens keine (mehr). Es gab mal eine mit Blog. “Entweder wir betreiben ein Bistrot oder eine Website”, meint Savio. Aber wenigstens ist die Facebookseite erhalten geblieben. Dort wird auch mal stolz gepostet, dass selbst der Playboy vom Lokal angetörnt ist.

In Chinatown gibt es ausser alten Trattorie die jetzt Trattoria Cinese heissen eigentlich nichts zu sehen. Aber das Aromando ist sozusagen ein echter Glückskeks in diesem Quartier und den Abstecher dorthin hundertmal wert. Und ich wünschte mir wirklich, es gäbe in jeder Stadt mindestens ein solches Lokal.

Übrigens, sollten die Dessert nicht nach Gusto sein: Genau gegenüber gibt es die Gelateria Siciliana vasa vasa mit einer umwerfend guten Granita (ich empfehle die Kombination Mandorla und Caffè) oder cremig-knusprige Gelati und Cannoli.


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  1. David am 13. Mai 2013 at 09:27:

    Feiner Post, mein lieber Claudio.

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  2. Magdi am 13. Mai 2013 at 09:48:

    Der Küchenkasten erinnert mich an so manche Küche aus meiner Kindheit:) Dass ihr Schweizer mit anderten Maßstäben rechnet, als wir, weiß ich von meinen Schweizer Verwandten. € 20,00 kommt mir für ein Gericht reichlich vor. Aber man speist ja dafür auch in Mailand:) Südtirol hat im Gegensatz zum Großteil Italiens ein sehr gutes Preis/Leistungsverhältnis beim Essen und bei Unterkunft. Da sind wir sicher verwöhnt.

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  3. lieberlecker am 13. Mai 2013 at 10:54:

    das ist sooo kultig … und wenn man dazu noch fein essen kann … :-)
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

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  4. Claudio am 13. Mai 2013 at 21:17:

    David, das würde dir extrem gut gefallen. Da hast du recht, Magdi, für so ein Gericht legen wir in der Schweiz auch mal 50 Franken und mehr hin. Die Ambiance ist hinreissend, Andy!

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  5. Ram am 13. Mai 2013 at 21:21:

    Danke für diesen Post…

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  6. Ariane am 15. Mai 2013 at 19:40:

    Danke für den Tipp! Merke ich mir mal für den nächsten Mailand-Besuch vor.
    Saluti
    Ariane

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  7. Claudio am 15. Mai 2013 at 22:48:

    Und ich mir deinen Blog, liebe Ariane, da finde ich doch bestimmt auch eine Osteria für den nächsten (irgendwanndannmal) Rom-Besuch.

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  8. Gummibärchen am 16. Mai 2013 at 12:58:

    Ein tolles Essen im richtigen Ambiente. Was will man mehr?? Ganz toll :)

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  9. Anonyme Köche » Blog Archive » Prada? Gucci? Berti! am 20. Mai 2013 at 15:34:

    [...] ich in diesem mailänder Bistrot die wunderschönen Stakmesser von Berti serviert [...]

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  10. Anonyme Köche » Blog Archive » Den Sonntag suchen und zulassen. am 4. November 2013 at 01:13:

    […] Mai habe ich schon über diesen Hot Spot alla Milanese geschrieben. Heute habe ich im «Aromando Bistrot» in Mailand das zu einer neuen Tradition […]

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