Opfer des Foodmarketings

Revolverheld

Unsere Erinnerung – ist sie ein Freund oder ein falscher Hund?

Vieles, was man früher so gegessen hat, erscheint heute durch den Weichzeichner der Erinnerung im besten Licht: Süssigkeiten, Snacks, Puddings und Saucen aus der Tüte, Früchte und Cremen aus der Dose, Streuwürze, Fertiggerichte.

Aber wenn wir ehrlich sind, war es so gut, wie wir glauben? Es ist zu bezweifeln.

Zweifellos sind die Tomato Chips der Firma Zweifel Pomy Chips AG in bester Erinnerung. Sie schmeckten so intensiv nach 70er-Jahre wie die Vinylböden der EPA, das Orange unserer Trevira-Hosen oder die blaugefärbten Abgaswolken der zwar katlosen, dafür aber chrombestückten Traumautos.

Also irgendwie extrem gut, aber irgendwie extrem ungesund.

Ob das der Grund ist, weshalb die Chips, irgendwann im Gesundheitswahn der 90er, ohne ein Rascheln aus dem Snackregal verschwunden sind? Man denke nur an die Cumarinhysterie bei Zimtsternen heutzutage, was war wohl alles in unseren geliebten Tomato Chips?

Es gab bei Chipsessern übrigens zwei Fraktionen: die Nature-Verfechter und die Paprika-Fans. Selten nur freundeten sich die beiden Gruppierungen auf einem Schulausflug an.

Tomato waren da ausser Konkurrenz. Genau wie Provençale, bei der allerdings die Frage nach der Daseinsberechtigung erlaubt sei. Es scheint einfach unbegreiflich, warum diese vulgäre Geschmacksrichtung im Gegensatz zu Tomato noch produziert wird. Hallo, Marketingabteilung Zweifel Pomy Chips AG, der ging an euch.

Es gibt sogar Leute die erst zu sterben bereit sind, wenn Zweifel die Tomato Chips wieder herstellt. Schrecklich, Tomato Chips Zombies. Und Schuld daran die Zweifel Pomy Chips AG!

Klar gibt es andere Chipshersteller, die zwar die Geschmacksrichtung Tomate oder Ketchup im Sortiment haben, aber keiner kommt an die original Zweifel Tomato Chips von damals heran.

In irgend so einer Kolumne von irgend so einer Pendlerzeitung, danke Santaclara, stand letzthin, die kultigen Tomato Chips könne man ganz leicht selbst herstellen, indem man Nature Chips mit dem Pulver einer Beutel-Tomatensuppe aufpeppt.

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Erstens bekommt man heutzutage gar kein normales Tomatensuppepulver mehr. Ist ja alles „verfeinert“ und verschlimmbessert mit aufdringlichen Gewürzmischungen von mediterran bis mexican. Und zweitens habe ich es ausprobiert:

Chips und Tomatensuppe

Tomato Chips

Die Gaumenwischerei kann man sich sparen. Schmeckt scheisse und ist bitterer als jede Erinnerung.


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  1. Boris Zatko am 3. November 2008 at 09:42:

    One of your best, mate!

    Viele liebe Grüße

    Boris

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  2. Nina am 3. November 2008 at 12:12:

    Die «Bildstrecke» ist zum Schreien! Danke.
    Viele Grüsse aus der Paprikafraktion. Was es im Fall immer noch gibt: Joujoux! Die mit den Spielzeuglein drin, die man erst mit Chipsfingern aus dem chipsbefetteten Plastikgüggli rausfummeln muss! Welch ein Flashback.

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  3. Mike Seeger am 3. November 2008 at 13:27:

    Am Samstag stand ich in meiner Geburtsstadt Northeim vor einem ehemaligen Schlachterladen mit Imbiss. Dort hatte ich mich seit den späten 60er Jahren mit dem immer gleich schmeckenden „Klops mit Gewürz und Ketchup“ versorgt. Beim Gedanken daran läuft schon wieder das Wasser im Mund zusammen. Obwohl es bestimmt weder besonders, noch besonders wertvoll gewesen ist. Eine panierte, eiförmige, klein geschnittene Frikadelle mit einem mit Fleischbrühe/Wurstebrühe verlängertem Ketchup obendrüber, und als Abschluss ein Gewürzpulver, bestehend aus Paprika und Curry. Dazu ein Brötchen zum Auftunken des Ketchups. Ein ewig gleicher Geschmack, über Jahrzehnte hinweg. Heute nicht mehr da. Ich stand vor einer Bäckereifiliale.

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  4. katha am 3. November 2008 at 16:58:

    ich habe am samstag nach etwa 15 jahren wieder einmal einen „russen“ (sowas wie rollmops, nur langgestreckt) gegessen. das heisst: einen halben bissen davon. mir hat so gegraust, dass ich dachte, das zeug ist schlecht und ich falle gleich tot um. aber ein freund, der auch da war, hat daraufhin von meinem stück probiert und meinte, die schmecken immer so. pfuiteufel!

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  5. katha am 3. November 2008 at 17:01:

    und sorry, falls das vorhin nicht klar rauskam: ich habe russen als kind/jugendliche geliebt!

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  6. zorra am 3. November 2008 at 19:20:

    So, so und mit einer Pistole durftest du auch spielen.

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  7. noch mehr fisch & kulinarisch: woche 44 » Beitrag » esskultur.at am 3. November 2008 at 20:10:

    […] wie eine kindheitserinnerung in würgreizauslösendes entsetzen umschlagen kann (damit bin ich in guter gesellschaft). am samstag hatten wir nach einer ähnlichen verkostung wie vor zwei wochen vorgesorgt und ein […]

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  8. lamiacucina am 3. November 2008 at 20:20:

    so wie Du das machst geht das natürlich nicht. Das Tomatenpulver in Wasser auflösen, Chips etwa 1 Stunde mitkochen, den entstehenden Brei auf Backblech dünn ausstreichen und bei 200°C über Nacht trocknen. Danach ablösen, mit der Schere wieder Chips ausschneiden und kurz fritieren. mmmh.

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  9. Claudio am 3. November 2008 at 21:26:

    Thanks, Boris. Aha, Paprika, hab ich mir fast gedacht, Nina, das liegt eindeutig am Jahrgang. Ich liebe solche Flashbacks, Mike, in Ski- und Schullagern assen wir zum Frühstuck Butterbrote bestreut mit Aromat-Streuwür(g)ze! Gell, Katha, da fragt man sich unweigerlich, war man damals so Geschmacksverirrt oder ist man heute einfach ein Snob? Ja, Zorra, und mein Sohn sieht heute genauso aus, und obwohl ich mir geschworen habe, dass er nie, nie, nie mit einer Pistole spielen dürfe, hat er sich selbst eine an der Herbschtmäss kaufen dürfen – auch das ist irgendwie Flashback bedingt; warum sollte man den eigenen Kindern verwehren, was man selbst als Kind hatte? (Okay, wenigstens die Trevira-Hosen erspar ich ihm, ist doch schon mal was.) Warst du an der Besucherführung der Zweifel Pomy Chips AG, Robert? Es sind ja zwei Erkenntnisse, die mich beschäftigen: 1. Wäre das Zeug mit der Rezeptur von früher heute verfügbar, würde es uns vermutlich grausen (siehe Katha) und 2. Die Produkte, die bis heute überlebt haben, sind so stark modifiziert und verschlimmbessert worden (in Design und Rezeptur), dass sie fast nix mehr mit dem Original gemeinsam haben.

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  10. kaltmamsell am 4. November 2008 at 16:14:

    SO eine schöne Kindheit hätte ich gerne gehabt, dass ich Sachen essen durfte, die mich heute grausen könnten! Aber ich war auf DIÄT! Nicht nur viele Jahre, sondern praktisch ständig und durchgehend unter der Kalorienkontrolle meiner Mutter. (An dieser Stelle setzen bitte tränentreibende Geigen ein.)
    Was war die Folge? Wenn ich endlich mal allein daheim war, machte ich mich über alles her, was schlecht messbar oder nicht zählbar war, zudem nicht schmutzte, also bevorzugt löffelweise aus offenen Marmeladengläsern oder große Schlucke süße Dosenmilch direkt aus der Dose, Brösel von der angebrochenen Kuchenglasur gingen auch .
    All den Mist, den andere Kinder bekamen, holte ich mit 19 nach, als ich von Zuhause auszog. Aber es war zu spät, kein Genuss daran mehr möglich.

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  11. Claudio am 5. November 2008 at 21:29:

    Das kann ich mir jetzt allerdings fast nicht vorstellen, liebes Kaltmamsell, dass auf der Vorspeisenplatte der Neunzehnhundertsiebzigerjahre-Kindheit nichts Gruseliges rumlag – und dann erst die DIÄTPRODUKTE(!) aus dieser Zeit (nein, ich will es gar nicht so genau wissen, danke). Aber wie dem auch sei, wirklich verpasst hat man ja nichts. Also aus heutiger Sicht. Übrigens, wie stellt man jetzt die tränentreibenden Geigen wieder ab?

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  12. eat am 5. November 2008 at 23:57:

    Ich weiß noch genau wie ich als 11-Jähriger, aus den USA nach Deutschland Zurügekehrter, im Herbst 1975 auf meiner ersten deutschen „Party“ war. Dort gab es, neben warmer Cola der in Bechern serviert wurde die durch einen etwas zu festen Griff sofort mit vertikalen Ritzen versehen wurden, aus denen dann die warme Cola floss, auch Chips. Hauchdünn, glatt und mit einer eigenartigen rötlichen Staubschicht bedeckt.
    Das sollten Potato Chips sein? ( Es wurde auch noch „schipps“ ausgesprochen!)

    Da wo ich her kam, ja da wo Chips (Tschips!) geboren wurden, waren die Kartoffelscheibchen, geriffelt und leicht mit Salz bedeckt. Im Mund knusperten sie auch nach den ersten Bissen herrlich weiter, während diese Dinger hier sich innerhalb weniger Sekunden in eine Art Kartoffelgulasch verwandelten, die einzige Flüssigkeit die sie benötigten war etwas Speichel um die Konsistenz erweichter Pappe anzunehmen. Es war ein Grauen, das rüchblickend, nur durch die Erinnerung an meinen ersten Kuss etwas erträglicher wird.

    Ich habe Schipps nie wieder angefasst.

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  13. Claudio am 6. November 2008 at 22:16:

    Schipps gefällt mir! Schipps mit schemischem Geschmack!

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  14. Anonyme Köche » Blog Archive » Das Meer zu Besuch in den Bergen. am 8. April 2017 at 14:44:

    […] aus meiner Kindheit erinnert. Denen weine ich tatsächlich immer noch nach. Das hab ich hier mal […]

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