Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?

Ich stehe gerade ein bisschen unter Schreck. Mein Sohn (10) sass gerade beim Zvieri (Schoggi-Popcorn) mit seinem gleichaltrigen Freund bei mir in der Küche. Ich war gerade dabei, Artischocken für das Abendessen zuzubereiten. Der Freund ass von der Focaccia, die ich am Mittag gebacken hatte (Weissmehl, Hefe, Wasser, Olivenöl, Meersalz – sonst nichts).

«Im Fall, diese Pizza ist saugut», sagte er. «Wirklich. Hast du die selbst gemacht?» Er erfreut und überrascht mich jedes Mal, wenn er bei uns isst und feststellt, dass etwas besonders gut schmeckt. So gut, dass es ihn anscheinend juckt, danach zu fragen, ob es selbst gemacht ist. Guter Bub! Gesunde Papillen!

«Schaut mal her, wer kann mir sagen, was das für ein Gemüse ist?» Ich halte ihnen die Pfanne mit den Artischocken unter die Nase. «Zwiebeln!» «Wie bitte? Das sind doch keine Zwiebeln.» Dann zu meinem Sohn: «Möchtest du ihm sagen, was das ist?» «Bprrp! Keine Ahnung.»

Ich stutze. Dann zeigte ich auf eine Knoblauchzehe: «Das?» «Zwiebel!» «Komm schon, du weisst doch, dass das keine Zwiebel ist?» «Bitte, sag deinem Kolleg, was das ist.» «Wieso, ist denn das keine Zwiebel?»

«Okay, Gentlemen, you had my curiosity … but now you have my attention!»

Ich griff nach dem Zwiebelkörbchen, nahm eine Zwiebel in die rechte (Fairplay, die Schalotte liess ich liegen) und eine Knoblauchknolle in die linke Hand. Meine Probanden konnten die Zwiebel spontan korrekt zuordnen. Aber wie das Ding in meiner Linken heisst, das wussten sie nicht. «Hallo, Knoblauch?» «Ach ja, stimmt.»

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Öffnete bestimmt den Kühlschrank und griff beherzt in das Gemüsefach. «Was ist das?» «Ehhm – kch-kch-kch-kch!» «Rucola. Petersilie.» «Hääh?»

«So: Das hier … auch nicht? Herrgottnochmal. Sellerie!»

Das hätte ich nicht erwartet. Ehrlich, die beiden süssen Knirpse haben mich total auf dem falschen Fuss erwischt. Man hat ja immer das Gefühl, dass man zumindest seine Kinder kennt. Und so als Sohn vom Anonymen Koch, also, ich will da jetzt nicht künstlich Leistungsdruck aufbauen, aber so einen kleinen Wissensvorsprung gegenüber seinen Klassenkameraden? Nur ein Klitzekleiner?

Als ich beim Abendessen Sohn Nummer 1 und meiner Frau meine Ernüchterung berichte, wollen die es genauer wissen. Wir machten ein kleines Gourmet-Quiz – der Kleine liebt Games (sic!).

Zum Beispiel: Fünf Käsesorten aufzählen. Fünf Kräuter, die wir in unserem Garten ziehen. Drei Mehlsorten aufzählen. Drei Blattgemüse. Drei Wurzelgemüse. Wo wächst XY? Am Baum, am Strauch oder unter der Erde? Und so weiter.

Wer Kinder hat: Ich kann es nur empfehlen, macht total Spass.

Und leider auch ein schlechtes Gewissen. Ich glaube TV- und Konsolenkonsum werden ab sofort rigoros ersetzt durch: Gartenbau, Tiere füttern, Hühner schlachten (Moment, da war er ja dabei), Hauswirtschaft, Kochtechnik und Warenkunde!

So kann es nicht weitergehen.

Wenn sich mein Erbgut nicht von selbst fortpflanzt, dann muss ich es halt eigenhändig ins Hirn verpflanzen.


15 Kommentare zu Wer nicht fragt, bleibt abgespeist.

  1. lamiacucina am 15. November 2013 at 07:28:

    vor ein paar Tagen begegnete ich in meinem Warenhaus am Gewürzkräuterstand einem Koch, der seinen zwei Lehrlingen ?? die Gewürzkräuter zeigte und unter die Nase hielt und sie nach deren Namen fragte. Ich habe kurz mitgelauscht (sowas interessiert mich halt) und musste zur Kenntnis nehmen, dass die etwa 17-Jährigen ausser Schnittlauch und Peterli nichts erkannten.

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  2. Susanne am 15. November 2013 at 09:09:

    Du hast mich erschreckt…..heute abend gibt es eine Quiz-Sonderveranstaltung mit den Kids. Ich bange…und hoffe auf einen guten Ausgang 😉

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  3. Wilde Henne am 15. November 2013 at 09:28:

    Claudio, das schmerzt – kenne ich aus eigener Erfahrung. Da war der lange Junghahn etwa 11, als mir das praktisch gleich wie Dir passiert ist. Und notabene wir haben im Emmental auf einem Berg inmitten der Natur gewohnt. Und wir hatten keinen Gemüsegarten sondern einen Pflanzplätz. Und meine Kinder halfen zweimal die Woche für je eine Stunde mit im Garten (Ämtli). Subito habe ich dann Gemüse- und Kräuternachhilfe anberaumt.
    Das Highlight kam dann 3 Jahre später, als die Kochschullehrerin vom langen Junghahn mich auf der Strasse traf und mir mitteilte, dass mein Sohn der einzige gewesen sei, der sämtliche Gemüse auf dem Gemüseplakat in der Kochschule kannte. Und bei den Kräutern habe sie sehr gestaunt, der wusste sogar, was Estragon sei – sowas sei ihr ja noch nie untergekommen.
    Du darfst also noch hoffen 😉

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  4. creezy am 15. November 2013 at 09:44:

    Bei uns werden bei Kaiser*s (Apostroph leider so im CD gesetzt) in den Spätstunden Studenten an den Kassen eingesetzt. Ich helfe denen auch immer sehr gerne dabei das Gemüse namentlich auf der Nummernliste zu finden. Es ist immer wieder erstaunlich. Neulich war Kohlrabi bei einer jungen Frau exotisch …

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  5. patrick am 15. November 2013 at 11:43:

    Was für eine Geschichte!
    Im Oktober spielten wir an der Münchner Oper ein neues Sitzkissenkonzert. http://patrickwidmer.com/blog/?p=862 Die Kinder dürfen es sich auf einer Kissenlandschaft bequem machen zu zuhören. Die Geschichte stammt von Ute Krause und handelt von Oskar. Oskar muss zum Drachen denn dieser will den Jungen fressen. Weil aber Oskar kaum ne Zwischenmahlzeit abgibt will der Drache ihm mästen. Allerdings kann der Drache nicht kochen. Oskar ist aber ein begnadeter Koch, schickt den Drachen einkaufen und kocht für sich die tollsten Gerichte, bis der Drache nicht mehr Oskar, sondern dass essen möchte, was Oskar so toll kocht. Am Schluss eröffnen die beiden ein Restaurant für Menschen und Drachen. (Claudio warum haben wir die Story nicht erfunden 🙂
    Wir haben eine Szene eingebaut, in der die Kinder dem Drachen bei der Einkaufsliste helfen sollen. Wir haben das Konzert für insgesamt ca. 700 völlig unterschiedliche Kinder gespielt. Meist wurde Schokolade, Eis, Gummibärchen, Nudeln und Pommes genannt. Bei einer Vorstellung war das Nachbarskind dabei. Es hat vegetarische Eltern und ergänzte die Aufzählungen durch Zwischenrufe wie: Salat, Auberginen oder Zucchini. Später gab es eine Szene, in der die Kinder die Silhouetten von Küchengeräten erraten mussten. (Da hatte ich die halbe Küche dabei 🙂 Da kam alles wie aus der Pistole geschossen und fehlerfrei. Aus der Erinnerung ist schon was anderes, als wenn die Lebensmittel vor einem liegen. Vielleicht wär ja eine Vorstellung mit Gemüse/Früchte erraten interessant?

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  6. Sheik am 15. November 2013 at 12:49:

    ruhig blut, lieber Claudio

    mit zunemhmedem alter kommt auch bei der jugend die erfahrung des guten essens und somit auch das interesse an den produkten, ich habs auch selbst erlebt !

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  7. Claudio am 15. November 2013 at 17:43:

    Köstlich, Robert, ob das der Küchenchef vom Warenhaus-Restaurant war? Ich drück die Daumen, Susanne! Danke, Wilde Henne, ich werde dranne blibe, dranne blibe, dranne blibe! Edelmütig von dir, creezy, dass du den Studenten hilfst und sie nicht fertig machst, wie diese bösen Zeitgenossen für welche die Kasse Kampfzone ist. Patrick, ich finde eure Sitzkissenkonzerte der Hammer! Müsste Pflichtschulfach werden! Wills gerne hoffen, Sheik, danke.

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  8. Claus am 15. November 2013 at 21:12:

    Bleib cool. Immer weitermachen. Die gucken sich das ab. Garantiert. Und irgendwann hauen sie einen raus. „Papa, ich hätte das aber mit 812er Mehl besser gefunden als du mit deinem 550er“.

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  9. Claudio am 16. November 2013 at 12:37:

    Danke fürs Mut machen, Claus – bisschen Wehmut gehört dazu.

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  10. Die Alex am 16. November 2013 at 16:43:

    Hab vertrauen:-)ich kann mir einfach nicht vorstellen,daß da nicht irgendwie was mit reingerutscht ist in den Genpool.wenn nicht ,setze auf leichte stetige Gehirnwäsche.Wenn tag und nacht der Geruch von frischem Essen durch die Zimmer strömt…wie will man sich denn da verwehren?ich wünschte,kinder dürften in der Schule lernen ,wie sie sich selbst ernähren können.Sie bekommen eher beigebracht ,wie sie soviel Geld verdienen ,damit sie sich leisten können ,das andere sie ernähren.iIch bin hier zuversichtlich und tippe auf extrem cooles Alter
    :-)Hab mich sehr amüsiert,wie immer.l.g Die Alex

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  11. chris am 18. November 2013 at 13:25:

    ich würde behaupten das ist ganz normal, in frühen kindheitsjahren (vor der pubertät), in der pubertät hat man wieder andere sachen im kopf. für nahrungsmittel ein gespür und wissen anzueignen kommt dann, wenn nicht jeden tag jemand anders für einen kocht und man selbst aktiv werden muss. vorausgesetzt man gehtmit kritischem blick einkaufen und verfällt nicht den fix und fertig produkten, selbst dann gibt es mitheranreifendem alter noch die möglichkeit das man sich nach dem echten geschmack der kindheit sehnt und man endlich selbst experimentiert und nach alten rezepten sucht die den gaumen vor freude tanzen lassen.

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  12. Cédric am 18. November 2013 at 18:27:

    Stimmt gar nicht Chris! 😀
    http://thecookiez.com

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  13. saltkrokant am 5. Dezember 2013 at 21:41:

    … schöne Geschichte, schön erzählt und schön geschrieben!

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  14. Astrid am 5. Januar 2014 at 18:42:

    Lieber Claudio, jetzt lese ich schon so lange still und heimlich Deinen Blog, hänge seit der perfekten Lahmacun an Deinem Kochlöffel und gerade jetzt hab ich mich verloren und verliebt: in diesen Post! Auf die Zwiebeln, den Knoblauch und den ganzen anderen undefinierbaren Gemüsekram ;o)

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  15. Claudio am 7. Januar 2014 at 01:01:

    Ist das nicht schön, Astrid? Liebe geht eben doch durch den Magen.

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