{"id":1005,"date":"2009-10-21T00:12:39","date_gmt":"2009-10-20T22:12:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=1005"},"modified":"2009-10-21T17:17:30","modified_gmt":"2009-10-21T15:17:30","slug":"frankfurt-gemessenen-schrittes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=1005","title":{"rendered":"Frankfurt, gemessenen Schrittes"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Lesung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1006\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Lesung.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Lesung.jpg 600w, https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Lesung-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>So. Essen war f\u00fcr einmal tats\u00e4chlich nicht das Wichtigste f\u00fcr den anonymen Koch. Obwohl ich mir, kaum 10 Meter aus dem Bahnhof, schon gewisse Fragen stellte:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Wiener-Feinbaecker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1007\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Wiener-Feinbaecker.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Wiener-Feinbaecker.jpg 600w, https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Wiener-Feinbaecker-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aber als Buchmesse-Deb\u00fctant war ich auch auf Anderes fokussiert. \u00dcberhaupt, fokussiert. Das heisst, dass man in erster Linie alles ausblendet und vorbeischwimmen l\u00e4sst, was einen nicht interessiert. Sonst geht man unter.<\/p>\n<p>Der Klagelieder hatte ich genug geh\u00f6rt. Es schien, alle hassen es, an die Buchmesse zu gehen. Meine Empfehlung: Dann \u00fcberspringt halt dieses Kapitel. Wenn das nicht geht: Fokussiert euch. Ich hatte zum Gl\u00fcck schicke aber bequeme Schuhe eingepackt, einen klaren Kopf und viel Freiraum f\u00fcr spontane Begegnungen.<\/p>\n<p>Sogar solche in der ersten Klasse des ICE Basel-Frankfurt. Ein Gesch\u00e4ftsmann mit Silberkranz am Kopf erteilt viertelst\u00fcndlich Anweisungen per Handy. An seine Sekret\u00e4rin, Frau, seinen Assistenten oder seinem Wellensittich. Ich weiss es nicht.<\/p>\n<p>\u00abHast dus offen? Ja, super! Jetzt geh mal mit der Maus auf die Adresse und klick zweimal drauf. Jetzt ist alles blau? Ja, nein, alles blau ist nicht gut. Nur die Adresszeile anklicken. Mach noch Mal. Nein, nebendran, einmal klicken. Gut? Okay, dann auf der Zeile zweimal. Okay. Jetzt \u201ekopieren\u201c. Oben im Menu, jawoll-ja. Und jetzt gehst du ins Formular und machst \u2013 ja mit der Maus \u2013 und machst \u201eeinf\u00fcgen\u201c. Ja, super! Guet, g\u00e4ll? Das ist ein Trick. Nicht schlecht, g\u00e4ll? Das nennt sich \u201ecopy\/paste\u201c.\u00bb<\/p>\n<p>Andere w\u00fcrden sich da grausig nerven. Ich habe daf\u00fcr einen neuen Running Gag, um meine Freunde zu nerven: \u00abBoris, nimm mal das hier und sch\u00fctte es dann in deinen Kaffee.\u00bb \u00abWas, den Zucker?\u00bb \u00abJa, sch\u00fctt ihn da mal rein, hier in deinen Becher. Du hast doch gerne ges\u00fcssten Kaffee?\u00bb \u00abJa, klar, wieso?\u00bb \u00abJetzt ist er s\u00fcss. Das ist EIN TRICK! Super, g\u00e4ll?\u00bb<\/p>\n<p>Am grossen <a href=\"http:\/\/www.gu-online.de\/gu-online\/index.php\" target=\"_blank\">GU-Stand<\/a> angekommen befand ich mich sofort in bester Gesellschaft. Sky und Mirja du Mont waren da. Frankfurt, 13 Uhr, heiter, die Frisur h\u00e4lt. Auch sie haben ein <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Unsere-t\u00e4gliche-Krise-heute-Beziehungswahnsinn\/dp\/3833815191\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1256030191&amp;sr=1-1\" target=\"_blank\">Buch<\/a> bei Gr\u00e4fe und Unzer publiziert.<\/p>\n<p>Ganz so st\u00fcrmisch wie zu Veronas <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/0,1518,46816,00.html\" target=\"_blank\">Blubb<\/a> sind die Zeiten \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 nicht mehr.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen gemeinsamen Lunch habe ich es vorgezogen, mit dem <a href=\"http:\/\/www.rettet-das-mittagessen.de\/blog\/\" target=\"_blank\">Retter des Mittagessens<\/a>, Sebastian Dickhaut, zu speisen und dar\u00fcber zu sprechen. Ein nettes kleines Etwas, das an den Stand gecatert wurde.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kuechengoetter.de\/index.html\" target=\"_blank\">K\u00fccheng\u00f6ttin<\/a> Maike Damm, in einem ebenso netten kleinen Etwas, zauberte derweil mal mit, mal ohne Hilfe Sebastians, charmant Appetitliches in der GU-Showk\u00fcche f\u00fcrs Publikum.<\/p>\n<p>Dann \u2013 endlich, endlich \u2013 eine Livebegegnung mit dem wahrhaftigen <a href=\"http:\/\/www.stevanpaul.de\/\" target=\"_blank\">Stevan Paul<\/a>, den ich bisher nur via <a href=\"http:\/\/nutriculinary.com\/\" target=\"_blank\">Foodblog<\/a> kannte und dessen <a href=\"http:\/\/www.mairisch.de\/stevan-paul_monsieur-der-hummer-und-ich.htm\" target=\"_blank\">Buch<\/a> mich hingerissen hatte.<\/p>\n<p>Was soll man sagen, ein wunderbarer Mensch. Ansteckend bis in die Koteletten: Kochen, Essen, Genuss, Musik, Kultur, Kunst, Literatur, das Leben selbst. Es g\u00e4be eigentlich keinen Grund, mit Stevan nicht bis in die Morgenstunden all dies, und noch vieles mehr, zu diskurrieren. Wir verabreden uns f\u00fcr den Abend. Essen und dann zu seiner Lesung im Kunstverein.<\/p>\n<p>Apropos Ansteckung. Ich als kleiner Hypochonder habe mich mit Vitamin C und Zink-Kombilutschtabletten vor der babylonischen Keimattacke gesch\u00fctzt. Wie es scheint, erfolgreich. Uff! Zur Not h\u00e4tte vielleicht auch Pauls <a href=\"http:\/\/nutriculinary.com\/2009\/10\/13\/frankfurter-buchmesse-kaffeelikor-statt-champagner\/\" target=\"_blank\">Lik\u00f6r<\/a> geholfen, so aber kann ich den jetzt in Ruhe geniessen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum GU-Stand. Dort treffe ich mich mit Alex, einer weiteren, gern gelesenen <a href=\"http:\/\/cuochedellaltromondo.blogspot.com\/\" target=\"_blank\">Foodbloggerin<\/a>. Wie bei Stevan, sehen wir uns zum ersten Mal im \u00abReal Life\u00bb. Und die weltweite Webwelt knistert f\u00fcr einen Moment auf einen halben Quadratmeter Standfl\u00e4che zusammen.<\/p>\n<p>Alex lebt in Deutschland, kommt aber urspr\u00fcnglich aus derselben italienischen Region wie meine Eltern. Daf\u00fcr lebt ihre Schwester in der Schweiz, so wie ich. Da wird sich unser Weg wohl noch Mal kreuzen, vero Alex?<\/p>\n<p>Wir reden \u00fcber die beiden Foodblogwelten Italien und Deutschland, die so komplett unterschiedlich ticken. Vernetzung und Rezepteaustausch hin oder her. Essen ist immer fest mit Kultur verbunden. Und das ist auch gut so. Lernen kann man trotzdem voneinander. Alex ist eine wunderbare Ambasciatrice beider Welten.<\/p>\n<p>Da kommt auch schon <a href=\"http:\/\/www.image-bay.com\/\" target=\"_blank\">Joerg Lehmann<\/a>. Zu dem eigentlich besser Lebemann passen w\u00fcrde. Aber er nennt sich, oder besser seinen <a href=\"http:\/\/gourmetpilot.blogspot.com\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a>, Gourmetpilot . Seine Bilder sprechen und f\u00fcllen B\u00e4nde. Seine Haltung umso mehr. Auch er ein Kosmopolit. Deutscher in Paris und vielgereister Japankenner. Hoffotograf der grossen franz\u00f6sischen Chefs. Ganz ohne Starall\u00fcren. Tr\u00e8s fokussiert.<\/p>\n<p>Man sagt, eine der allerersten Sozialhandlungen, der erste Kultur-Akt sozusagen, sei die Zubereitung eines gemeinsamen Essens gewesen. Das Teilen der Aufgaben in der Gruppe: Feuer machen, Nahrungssuche, Zubereitung und gemeinsames Essen. So uralt und so banal.<\/p>\n<p>Und doch entflammen an diesem Ritual jeden Tag aufs Neue brennende Leidenschaften, die faszinierende Menschen zusammenbringen, m\u00e4chtige Wirtschaftszweige speisen oder reglerechte Glaubenskriege ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Auch wenn man als Foodblogger nur ein paar Pixel verbreitet. Man transportiert damit sehr wohl ganz klare Botschaften, Werte und Haltungen. Das sp\u00fcren nicht nur die Foodblogger untereinander. Ein X f\u00fcr ein U vorzumachen ist langfristig unm\u00f6glich. Genauso empfindet die treue Leserschaft von Foodblogs. Weil, ehrlich n\u00e4hrt am l\u00e4ngsten, wie ich einmal ein einfaches <a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=643\" target=\"_blank\">Rezept<\/a> betitelt habe.<\/p>\n<p>Oder mein Verleger, der sich nach <a href=\"http:\/\/www.deliciousdays.com\/\" target=\"_blank\">Nicole Stichs<\/a> Buch erneut auf das Experiment eingelassen hat, ein Foodblog zum Buch werden zu lassen. Der erkannt hat, dass Empf\u00e4nger (Leser) auch Sender sind und umgekehrt. Und dass es durchaus Wege gibt, allseitige Interessen unter einen Hut zu bringen. Da geht noch mehr.<\/p>\n<p>Vom Begriff \u00ab<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blook\" target=\"_blank\">Blook<\/a>\u00bb, den ich anderswo auf der Messe aufgeschnappt habe, sollten wir jedoch so schnell wie m\u00f6glich weg kommen. Denn es ist ein \u00fcberholter Begriff f\u00fcr etwas, das so gar nicht mehr ist. Ausserdem klingt er wie ein Schluckauf den man schnell wieder loswerden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Auf der Freifl\u00e4che zwischen den Hallen f\u00fchrt Gastland China Oper am gesch\u00e4ftig vorbeiziehenden Besucherstrom vor, als w\u00e4rs eine Kirmes-Attraktion. Sieht komisch aus. Und klingt auch komisch f\u00fcr unsere unge\u00fcbten Ohren.<\/p>\n<p>Seit meiner Chinareise anfangs 90er \u00e4ffe ich manchmal aus Jux die \u00fcberdrehten Ges\u00e4nge nach: \u00abSchiao schiee pu tschi, yiee bu y\u00fc\u00fc!\u00bb.<\/p>\n<p>Oder die unverkennbaren Kl\u00e4nge, wie das staksige: \u00abPl\u00f6ung! \u2013 Pl\u00f6ung! \u2013 Pl\u00f6ung!\u00bb, das f\u00fcr mich pers\u00f6nlich klingt wie ein leerer Jogurtbecher mit einem dar\u00fcbergespannten Gummiband, das man schnippen l\u00e4sst. Gefolgt von schnellem, wildem Gerassel: \u00abDschingdschingdschingdschingdsching!\u00bb<\/p>\n<p>Eine Gruppe junger M\u00e4nner, vermutlich Japaner, n\u00e4hert sich dem Spektakel. Einer zeigt schon von weitem aufgeregt darauf und macht: \u00abSchiao schiee pu tschi, yiee bu y\u00fc\u00fc!\u00bb, und dann \u00abPl\u00f6ung! \u2013 Pl\u00f6ung! \u2013 Pl\u00f6ung!\u00bb, und dann machen alle f\u00fcnf zusammen: \u00abDschingdschingdschingdschingdsching!\u00bb und brechen in schallendes Gel\u00e4chter aus.<\/p>\n<p>Ist ja allerhand. Die machen sich tats\u00e4chlich \u00fcber diese K\u00fcnstler lustig!<\/p>\n<p>Wenn das der Sinologe und Literaturpreistr\u00e4ger <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/nachrichten\/kultur\/aktuell\/ein_loblied_auf_liebe_und_familie_1.3882588.html\" target=\"_blank\">Stephan Thome<\/a> hier liest, h\u00e4lt er uns bestimmt f\u00fcr die gr\u00f6ssten Idioten. Aber man munkelt ohnehin, er leide an Humorlosigkeit.<\/p>\n<p>Dann liest mein Freund und Reisebegleiter <a href=\"http:\/\/www.boriszatko.com\/\" target=\"_blank\">Boris Zatko<\/a> aus seinem Roman <a href=\"http:\/\/www.annafink.com\/?page_id=2\" target=\"_blank\">Anna Fink<\/a>. Boris wohnt praktisch bei mir ums Eck und ist ein Selfmademan wie er im Buche steht.<\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/knax.de\/toplevel\/index.html\" target=\"_blank\">Knax<\/a>-Zeichner arbeitet f\u00fcr diverse Schweizer Tageszeitungen als Comiczeichner und Illustrator. Oder mit einem anderen Selfmademan, Kaj, dessen Verlag einen wirklich passenden <a href=\"http:\/\/herzglut.com\/\" target=\"_blank\">Namen<\/a> hat. Auch er mit einem winzigen Stand, aber grossen Ideen am Start der Buchmesse.<\/p>\n<p>Boris ist einer, der seine Ideen mit erschreckender Konsequent umsetzt. Als er f\u00fcr seinen Roman keinen Verlag gefunden hatte, liess er den ersten Teil seiner Anna Fink-Trilogie bei <a href=\"http:\/\/www.bod.de\/index.html\" target=\"_blank\">BoD<\/a> produzieren. Dort gewann er damit den Autoren Award f\u00fcr das beste Buch und handelte sich ein Jahr danach beim Baumhaus-Verlag prompt einen Vertrag ein.<\/p>\n<p>Abends koste ich mit Stevan und den sympathischen Mairisch-Leuten in der <a href=\"http:\/\/www.frankfurt.de\/sixcms\/detail.php?id=3828&amp;_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=40769\" target=\"_blank\">Weinstube im R\u00f6mer<\/a> die erste Grie Soss meines Lebens. Zu einem perfekten Tafelspitz. Wunderbar. Vorher allerdings, auch als Premiere, eine herzhafte Leberkn\u00f6delsuppe. Sehr gut.<\/p>\n<p>In der Karte entdecke ich wieder einmal Spitzfindig-Kurioses. Zum Beispiel \u00abSaftiges Rippchen vom Schweinenacken\u00bb. Ich frage mich, wie die arme Sau zu Lebzeiten mit ihrer massiven <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Skoliose\" target=\"_blank\">Skoliose<\/a> zurecht kam.<\/p>\n<p>Oder dann, zu einer akkuraten Illu von einem T-Bone-Steak, die \u00dcberschrift: \u00abFleisch gibt Lebenskraft\u00bb. Und darunter \u00abTafelspitz\u00bb, \u00abRumpsteak\u00bb, \u00abLammkotelett\u00bb. T-Bone? Fehlanzeige, tr\u00e4um weiter.<\/p>\n<p>An der Lesung treffen wir auf den grotesken B\u00fcndner <a href=\"http:\/\/www.nichtleser.com\/\" target=\"_blank\">Gion Matthias Cavelty<\/a>, der aus seinem neuen <a href=\"http:\/\/www.echtzeit.ch\/buecher.php?id=52\" target=\"_blank\">Roman<\/a> liest. Sein Verlag sitzt ebenfalls in Basel und geh\u00f6rt zwei typografischen Wunderkindern und einem Journalisten.<\/p>\n<p>Das Buch der <a href=\"http:\/\/www.echtzeit.ch\/buecher.php?id=42\" target=\"_blank\">Kaltenbach<\/a>, als Beispiel, ist umwerfend sch\u00f6n. Wenn die Verleger nur nicht so helvetisch sch\u00fcchtern w\u00e4ren! Es schmerzt direkt, so beklemmt und unsicher tun die. Andere missverstehen das dann als Arroganz.<\/p>\n<p>Dann folgt eine Autorin (den Namen habe ich schnell wieder vergessen), die gar nicht da ist, sondern krank. Deshalb wird eine Aufnahme von ihr abgespielt. Ich leide. Der Tafelspitz. Das Bier. Die Hitze. Die M\u00fcdigkeit. Jandl-artige Textcollagen. Rhytmisch. Ich nicke ein. Als ob mich die Autorin sehen k\u00f6nnte (und sich \u00e4rgert), streut sie W\u00f6rter wie \u00abWichsen!\u00bb in die Textpassagen. \u00abHe? Was? Wo?\u00bb, schrecke ich jedes Mal auf. Ich leide noch mehr.<\/p>\n<p>Stevan, der Arme, muss mit Handmikro lesen. In einem Sessel, der seine Ellbogen auf Schulterh\u00f6he hochdr\u00fcckt. Es ist jetzt so heiss, schw\u00fcl und heimelig wie auf der Gangbangmatte eines schmuddeligen Swingerclubs.<\/p>\n<p>Damit wir uns recht verstehen, ich war noch nie in so einem Club, aber so stelle ich mir das vor, weil man kennt ja die Bilder von RTL-Reportagen und so. Ich m\u00f6chte nat\u00fcrlich keinem exklusiven Etablissement zu nahe treten.<\/p>\n<p>Aber die Stimmung ist jetzt geradezu perfekt f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.finnoleheinrich.de\/\" target=\"_blank\">Finn-Ole Heinrichs<\/a> Lesung. Er liest diesen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2009-09\/finn-ole-heinrich-vorab\" target=\"_blank\">Text<\/a> \u2013 und wie das klingt, was er liest, wenn er das liest! \u2013 ich bin sehr, sehr beeindruckt von diesem jungen Autor. Grossartig.<\/p>\n<p>Diesen Akt m\u00f6chte ich mir dann nicht mit Herumstehen und Bierflaschennuckeln vermiesen und gehe zeitig ins Hotel. Eines \u00fcbrigens, das in halber Distanz zu Messe und Bahnhof liegt und zahlbar und nett ist. Deshalb kann ich den Namen leider nicht verraten. Weil, wenn ich so Sachen h\u00f6re, dass ein 49-Euro ibis-Hotelzimmer zur Buchmesse 249 Euro kostet, dann h\u00f6rts einfach auf. Ich hoffe, ihr versteht das.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, Samstag, gehe ich alles gepflegt an, obwohl Massenandrang herrscht. Ich verziehe mich zum Beispiel in die Antiquariatsmesse und atme diesen Duft alter B\u00fccher ein. Und spitze die Ohren, um eventuell da und dort das Gefl\u00fcster zwischen weissbehandschuhten Herren und Besuchern einzufangen. Und geniesse dann doch lieber die Ruhe.<\/p>\n<p>Nehme f\u00fcr den Lunch im Restaurant des <a href=\"http:\/\/www.tretorri.de\/ \" target=\"_blank\">Tre Torri-Verlags<\/a> Platz und entschleunige inmitten sch\u00f6nster Genuss-B\u00fccher. Das Boeuf Stroganoff mit den Sp\u00e4tzle ist tadellos. Der Service allerdings l\u00e4sst einen lange daf\u00fcr schmoren. Zu lange. Aber mein n\u00e4chster Termin ist erst um 15.30 Uhr. Boris liest bei <a href=\"http:\/\/erlesen.tv\/\" target=\"_blank\">erlesen.tv <\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr den Sonntagmorgen (das wird sich noch als hart erweisen!) ergattere ich ebenfalls eine Lesung mit Interview. Die Hamburger Filmer sind jedoch extrem entspannt und wir lachen uns den Buckel voll bei der Aufzeichnung.<\/p>\n<p>Ausgestrahlt wird irgendwann im November. Und zum Abschied schenken sie mir dann auch noch einen Dieter \u201eYello\u201c Meier-<a href=\"http:\/\/www.ojo-de-agua.ch\/\" target=\"_blank\">Wein<\/a>, unglaublich. Danke, Jungs! Freu mich auf HH.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/erlesen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1008\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/erlesen.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/erlesen.jpg 600w, https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/erlesen-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dazwischen signiere ich noch rasch mein Buch f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.johannlafer.de\/\" target=\"_blank\">Johann Lafer<\/a>.<\/p>\n<p>Nein, moment, ich komm nochmal rein: Ich. Signiere. Mein. Buch. Und. Dr\u00fccke. Es. Johann. Lafer. Pers\u00f6nlich. In. Die. Hand! Dieses Kunstst\u00fcck bringt die Pressechefin von GU fertig. Sie winkt mich nach einem Gespr\u00e4ch mit ihm heran und stellt mich und mein Buch vor.<\/p>\n<p>Ich begr\u00fcsse ihn und entschuldige mich sogleich, dass ich an seinem G\u00f6vec-Rezept herumgen\u00f6rgelt habe. Er versteht nicht wirklich. Aber zum Buch sagt er: \u00abSupa, des gef\u00e4llt mir. Das bekomme ich mit einer Signatur, bitte!\u00bb<\/p>\n<p>Also signiere ich und schreib ihm die Entschuldigung nochmals ins Buch. Nach einem netten Smalltalk verabschiedet er sich mit den Worten: \u00abKollege, ich danke Ihnen, wir werden uns wieder sehen!\u00bb<\/p>\n<p>Abends m\u00f6chte ich mich verdr\u00fccken und einen passenden Text f\u00fcr die morgige Lesung b\u00fcffeln. Aber Boris zerrt mich zu Baumhaus und wir stimmen uns mit temperiertem Prosecco auf den Abend ein. Na, was wird das wohl f\u00fcr ein Abend, wenn das so anf\u00e4ngt, Claudio, h\u00f6r ich mich fl\u00f6ten.<\/p>\n<p>Aber die Stimmung der sich leerenden Messehalle um uns herum und das Abh\u00e4ngen mit den einnehmenden Autoren <a href=\"http:\/\/www.baumhaus-verlag.de\/\" target=\"_blank\">Jens Jeddeloh<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.baumhaus-verlag.de\/\" target=\"_blank\">Klaus Baumgart<\/a> mit ihrem ansteckenden Esprit machen mich gef\u00fcgiger als das Bisschen Alkohol.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bestehen sie darauf, dass ich mit ihnen essen gehe. Wir m\u00fcssen jedoch warten, <a href=\"http:\/\/www.benbecker.de\/frameset.html\" target=\"_blank\">Ben Becker<\/a> ist soeben mit wichtigen Leuten im Verlagskab\u00e4uschen verschwunden. Ich stell mir vor, \u00fcber was die reden und frotzle den anderen zu:<\/p>\n<p>\u00abBen, wir m\u00fcssen dir was sagen. Setz dich doch. M\u00f6chtest du einen Whisky? Ehm, Ben, es ist so, ehm, es gibt da ein Problem. Bitte reg dich nicht auf: Es gibt keine Fortsetzung der Bibel!\u00bb Ich glaube einer von uns ist danach vom Barhocker gefallen.<\/p>\n<p>Dann gehen wir zum <a href=\"http:\/\/www.restaurant-mezzanotte.de\/\" target=\"_blank\">Italiener<\/a> und lassen es uns mit einer saisongerechten, mit frischen Tr\u00fcffeln gespickten Karte gut gehen: Carpaccio vom Kalb, Jacobsmuscheln, Fagottini \u2013 alles mit reichlich Tr\u00fcffel sind perfekt. Ebenso eine Entenbrust mit Balsamico-Honig-Reduktion.<\/p>\n<p>Wein und Grappa ergeben zus\u00e4tzliche Felicit\u00e0. Vor allem, weil ich an diesem Abend eine seltene Stilbl\u00fcte pfl\u00fccken darf. Die Kellnerin hat einen schwungvollen Schriftzug als Unterarmtattoo. Wir fragen, was es heisst und sie so: \u00abDas heisst Carpe Diem auf Lateinisch!\u00bb<\/p>\n<p>Darauf brauchten wir nat\u00fcrlich einen Absacker im Frankfurter Hof.<\/p>\n<p>Der Sonntag verl\u00e4uft dann \u2013 nach der Lesung um 9! \u2013 eher in Slo-Mo, aber recht gut. Die letzten Kontakte und Programmpunkte in der (mageren) Gourmet-Gallery abhaken, die letzten Unterlagen und B\u00fccher ramassieren, Verabschiedungen, Signierungen. Schee wars, wie der Hesse sagt. Ich weiss das, ich habe einen <a href=\"http:\/\/www.iwwersedser.de\/?display=translate#\" target=\"_blank\">Iwwersedser<\/a>.<\/p>\n<p>Als wir auf den Zug warten, sage ich zu Boris: \u00abDu, weisst du, dass Stevan und Oliver meinen Doppelg\u00e4nger gefunden haben?\u00bb \u00abUnd?\u00bb \u00abWeiss nicht, kenne ihn nicht, hab ihn noch nie gesehen. Er heisst Roy Paci und ist ein sizilianischer, ehm, Ska-Musiker.\u00bb<\/p>\n<p>Er holt sein iPhone hervor und gibt eine Bildersuche ein: \u00abBereit? So sieht er aus: 3, 2, 1 \u2013 <a href=\"http:\/\/www.melez.de\/fileadmin\/user_upload\/pic\/fotoarchiv\/ROY_PACI\/Roy_Paci_3.jpg\" target=\"_blank\">los<\/a>!\u00bb<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So. Essen war f\u00fcr einmal tats\u00e4chlich nicht das Wichtigste f\u00fcr den anonymen Koch. Obwohl ich mir, kaum 10 Meter aus dem Bahnhof, schon gewisse Fragen stellte: Aber als Buchmesse-Deb\u00fctant war ich auch auf Anderes fokussiert. \u00dcberhaupt, fokussiert. Das heisst, dass man in erster Linie alles ausblendet und vorbeischwimmen l\u00e4sst, was einen nicht interessiert. 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