{"id":1332,"date":"2010-03-10T14:02:19","date_gmt":"2010-03-10T13:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=1332"},"modified":"2010-03-10T15:03:07","modified_gmt":"2010-03-10T14:03:07","slug":"gelesen-martin-suter-der-koch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=1332","title":{"rendered":"Gelesen: Martin Suter, Der Koch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Scheiss-Tamis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1333\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Scheiss-Tamis.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Scheiss-Tamis.jpg 600w, https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Scheiss-Tamis-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Wer sch\u00f6n sein will, muss leiden. Wobei einem Leid oft von aussen zugef\u00fcgt wird.<\/em><\/p>\n<p>Martin Suter bittet zu Tisch. Gesitzt wird allerdings auf Kissen und gegessen mit den H\u00e4nden. Man darf gespannt sein: Es gibt aphrodisischen \u00abLove Food\u00bb \u2013 molekularfrisiert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist sein neuester Roman \u00abDer Koch\u00bb (<a href=\"http:\/\/www.diogenes.ch\/leser\/katalog\/a-z\/k\/9783257067392\/buch\" target=\"_blank\">Diogenes<\/a>) Pflicht. Keine Frage. Schliesslich tr\u00e4umt man als Werbetexter davon, dem ehemaligen Werbetexter Suter nachzueifern und eines Tages ebenfalls einen Roman zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Und dann erst noch mit einem Koch als Titelfigur!<\/p>\n<p>Dieser Koch, der tamilische Asylbewerber Maravan, arbeitet vorerst unter seinem Niveau als Tellerw\u00e4scher in einem Z\u00fcrcher Sternelokal. Als er gechasst wird, bahnt sich Kraft seiner befreiten Begabung so etwas wie eine glanzvolle Tellerw\u00e4scherkarriere an.<\/p>\n<p>Aber obwohl das Catering f\u00fcr Liebesmen\u00fcs, das seine ehemalige Arbeitskollegin Andrea mit ihm aufzieht, boomt, will so partout kein Glanz aufkommen.<\/p>\n<p>Daran sind aber nicht Maravans verwegene wie geniale Rezepte Schuld, sondern \u00e4ussere Umst\u00e4nde. Und genau dort setzt Suter seine st\u00e4rksten Instrumente an: Seziert Statusd\u00fcnkel, demaskiert Dekadenz und legt Befindlichkeiten bloss. F\u00fcr diese Gabe muss man ihn lieben.<\/p>\n<p>Kritiker monieren, Suter verzettle sich im Roman mit der Verstrickung von Finanzkrise, Waffenhandel und B\u00fcrgerkrieg in Sri Lanka oder der Anspielung auf allerlei Aktualit\u00e4ten. Dem kann man entgegenhalten: Ja, wir verzetteln uns doch auch. Seit die Finanzmarktkrise, einem schwarzen Loch gleich, alles zu schlucken scheint, was nicht niet- und nagelfest ist.<\/p>\n<p>Statt sich auf das eigene Leben zu konzentrieren, inhalieren wir, gel\u00e4hmt wie der Hase vor der Schlange, die t\u00e4glichen Hiobsbotschaften und verkn\u00fcpfen sie mit dem eigenen Schicksal. Da eine Pandemie, hier ein Beben, dort Entlassungen, Skandal rechts, Blamage links. Wir kommen einfach nicht vom Fleck. Alle und alles ist immer gegen uns.<\/p>\n<p>So sind auch die Romanfiguren auf unangenehmste Weise irgendwie voneinander abh\u00e4ngig. Und machtlos, die Dinge so zu beeinflussen, wie sie sie gerne h\u00e4tten. Dieser n\u00fcchterne Blick auf den Lauf der Welt stellt Suter wie eine tr\u00fcbe Tasse hin und l\u00e4sst uns Bitterkeit schl\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr nippen wir da und dort an seinem trockenen Humor und geniessen die pr\u00e4zisen (teils sehr helvetischen) Bilder, die Suter einmal mehr zeichnet (Kritiker sagen, Suter bediene Klischees, anstatt Figuren herauszusch\u00e4len. Sagen wir, Suter braucht dazu keine seitenlange Texte \u2013 ein treffender Satz reicht).<\/p>\n<p>Aber was wird eigentlich gekocht? Suter liebt offensichtlich exotische Rezepte und ist fasziniert von der Molekulark\u00fcche. So l\u00e4sst er Maravan die Kochkunst Sri Lankas, in die ihn seine Grosstante eingeweiht hat, wirkungsvoll in die angesagte Pr\u00e4sentationsform \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Durchaus leidenschaftlich und fundiert. Die Rezepte basieren unter anderem auf den B\u00fcchern von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiko_Antoniewicz\" target=\"_blank\">Heiko Antoniewicz<\/a> und sind als Anhang zum Roman f\u00fcr Experimentierfreudige aufgelistet.<\/p>\n<p>Maravan nimmt man Handwerk und Aufrichtigkeit ab. Auch wenn einem so manches aus der Molekulark\u00fcche als ziemlich aufgeblasener Modegag vorkommt. Ungef\u00e4hr so wie diese T-Shirts mit Schulterpolstern, die jetzt wieder in sind.<\/p>\n<p>Und selbst Suter macht sich einen Spass daraus, die \u00fcberkandidelten Kreationen Huwylers, dem ehemaligen Arbeitgeber Maravans, implodieren zu lassen:<\/p>\n<p>[\u201eMariniertes Makrelenfilet auf seinem Fenchelherzbett mit B\u00e4rlauchsabayon\u201c, verk\u00fcndete sie. Keiner der beiden Herren blickte auf seinen Teller, beide hatten nur Augen f\u00fcr die Frau, die sie gebracht hatte. Nur Huwyler starrte auf die B\u00e4rlauchsabayon, die als gr\u00fcner Schleim den ganzen Tellerboden bedeckte.]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Indisches-Schaufenster1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1338\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Indisches-Schaufenster1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Indisches-Schaufenster1.jpg 600w, https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/Indisches-Schaufenster1-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sch\u00f6n sein will, muss leiden. Wobei einem Leid oft von aussen zugef\u00fcgt wird. Martin Suter bittet zu Tisch. 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