{"id":712,"date":"2009-03-25T16:30:07","date_gmt":"2009-03-25T15:30:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=712"},"modified":"2009-03-27T13:19:49","modified_gmt":"2009-03-27T12:19:49","slug":"zurueck-zu-den-wurzeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=712","title":{"rendered":"Zurueck zu den Wurzeln"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/seitenwagen.jpg\" alt=\"Marktwagen\" \/><\/p>\n<p>\u00abIch kenne Sie\u00bb, sagt der Gem\u00fcseh\u00e4ndler. Greift eine Karotte und streckt sie mir entgegen. Seine Linke l\u00e4sst er einen Meter \u00fcber dem Boden schweben: \u00abDer kam schon als 5-j\u00e4hriger Knopf zu mir\u00bb, kl\u00e4rt er einen Kunden auf und begr\u00fcsst mich mit festem H\u00e4ndedruck.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Flashback. 37 Jahre hat er jetzt in seinem fotografischen Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckgebl\u00e4ttert. Und ja, immer wenn meine Mutter mit mir samstags beim els\u00e4ssischen Marktfahrer im Quartier einkaufte, bekam ich das obligate R\u00fcebli geschenkt. Ich hab es jeweils sofort mit Haut und Haaren abgenagt: Zuerst rundherum und dann \u2013 als Dessert quasi \u2013 den freigeraspelten, s\u00fcsslichen Kern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/rueben-und-karotten.jpg\" alt=\"Rueben und Karotten\" \/><\/p>\n<p>Er ist immer noch der nette knollige Kerl. Was ihm fehlt sind die \u00fcberlangen, rabenschwarzen Kotletten und der speckige schwarze Lederhut zum blauen Schurz. Jetzt wird sein Styling vom konformen, Mephisto-beschuhten Rentnerlook diktiert.<\/p>\n<p>Heute habe ich ihn besucht. Musste wissen, ob es ihn noch gibt \u2013 ihn und seinen Hanomag-Henschel-Lader, der etwa denselben Jahrgang haben d\u00fcrfte wie ich. Leider ist seine treuste Begleitung nicht da: Seine Frau. Sie hat sich die Schulter ausgekugelt. \u00abHat jetzt drei Wochen Ferien. Das darf ich aber nicht laut sagen, sonst bekomm ich eins aufs Dach! Sind ja keine richtigen Ferien, haha!\u00bb<\/p>\n<p>Die beiden rotwangigen Marktleutchen w\u00fcrden mit ihrer strotzenden Robustheit und ihrer gesunden Liebensw\u00fcrdigkeit in jede M\u00e4rchengeschichte passen. Sie w\u00e4ren \u00abdie Guten\u00bb. Die Hilfsbereiten, dank derer der Held geradenochmal davon kommt.<\/p>\n<p>Jemand fragt, wie gehts? \u00abNicht gut, gar nicht gut. Dieses Jahr habe ich ganz schlecht angefangen: Ich bin n\u00e4mlich 70 geworden. Dabei w\u00e4re ich doch lieber 60 geworden!\u00bb Dann lacht er sich halb kaputt. Das ist sein Markenzeichen. Witze machen und alle mit seinem Lachen anstecken.<\/p>\n<p>\u00abHa-joo, ist doch wahr! Was soll ich mich lamentieren? Nat\u00fcrlich habe ich auch meine Wehwehchen. Aber es gibt genug Leute, die nur von ihren Problemen erz\u00e4hlen, da brauche ich nicht auch noch mitsingen.\u00bb<\/p>\n<p>Viele Witze macht er \u00fcber sich selbst. Seine Stammkunden frotzelt er auch mal an, oder er greift auf seinen antiken Witzfundus zur\u00fcck. Am liebsten aber macht er schl\u00fcpfrige Witze. Wie die meisten Obst- und Gem\u00fcseverk\u00e4ufer eigentlich. Schon mal aufgefallen? Liegt wohl an den inspirierenden Formen der Gew\u00e4chse.<\/p>\n<p>Seit 46 Jahren kommt er aus Village-Neuf, oder Neuwiller, wie der Els\u00e4sser sagt, nach Basel und stellt seinen Marktwagen vor die Heiliggeist-Kirche. Das erste mal kam er vor 60 Jahren mit seiner Mutter hierher. Allerdings weiter oben, da wo sp\u00e4ter der Migros er\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n<p>Etwas \u00fcber ihn schreiben? Ja, soweit kommts noch! Nein, das will er nicht. Da gibt es erstens nicht viel zu sagen. Einmal kam der Chefredaktor von der Gundeldinger-Chronik, den kennt er gut. Wollte ein Interview machen. Da hat er ihn ausgelacht: \u00abDu bist ja verr\u00fcckt, ein Interview mit mir, wer will denn so was lesen?\u00bb. Das sei aber gute Reklame f\u00fcr ihn. \u00abIch brauch doch keine Reklame! habe ich dann gesagt.\u00bb<\/p>\n<p>Ausserdem wolle er nix wissen von Vergangenheit. Alles pass\u00e9. Alles Bl\u00f6dsinn. Bringt doch gar nichts. \u00abZeigen Sie mir bloss nicht, was Sie schreiben!\u00bb Hat er mir jetzt gerade gr\u00fcnes Licht gegeben? \u00abWissen Sie, mein Vater war ja ein Berner. \u201eEs isch g\u00e4ng eso\u201c, hat er immer gesagt.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abDer Vater hat mich viel geschlagen \u2013 oh je!\u00bb Seine Mutter aber habe ihn geliebt. Er war halt auch der Kleinste. \u00abIch war so klein, meine Mutter hat immer gesagt, den m\u00fcssen wir in den Zirkus schicken \u2013 sicher! \u2013 das hat sie gesagt. Im Zirkus nehmen sie so kleine Leute.\u00bb<\/p>\n<p>Nein, als er gr\u00f6sser wurde, sei schon noch etwas aus ihm geworden. Fallschirmj\u00e4ger sogar, Algerienkrieg. Hat manchem Algerier das Leben gerettet, ehrlich jetzt. Algerien ist ja abgesehen vom schmalen Saum der Mittelmeerk\u00fcste ziemlich gebirgig. Die K\u00e4mpfer versteckten sich zwischen ihren Ziegen in den Bergh\u00f6hlen. Nach dem Rekognoszieren meldete er dann: \u00abIl n\u2018y a rien \u00e0 signaler, mon capitaine!\u00bb So hat er das gegenseitige Gemetzel vermieden. \u00abWeisch wie!\u00bb<\/p>\n<p>Die Zeit sei an ihm vorbei gezogen. \u00abDas merkst du gar nicht, wenn du Woche f\u00fcr Woche \u201ez\u2018 M\u00e4rt\u201c gehst.\u00bb Heute hat ihm seine Frau Brot und Schoggi mitgegeben. Einen Thermos voller Kaffee hat er sowieso immer dabei. \u00abJ\u00e4, so du!\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/thermosflasche.jpg\" alt=\"Thermosflasche\" \/><\/p>\n<p>Ich kaufe etwas Wintergem\u00fcse ein: Sellerie, Lauch. Randen hat er auch gekochte, er sch\u00e4lt eine: \u00abProbieren Sie mal, schmeckt die nicht wunderbar?\u00bb Recht hat er, da braucht es weder Salz noch sonst was. \u00abDann brauche ich noch mehligkochende Kartoffeln, f\u00fcr Gnocchi.\u00bb Die hat er aber nicht. \u00abGibts immer seltener, wissen Sie. Die Leute wollen festkochende. H\u00e4rd\u00f6pfelstock macht ja heute fast niemand mehr selbst.\u00bb Aber diese hier, die Marbella, seien auch gut f\u00fcr Gnocchi. Viele Italiener kaufen die bei ihm. \u00abNehmen Sie immer grosse Kartoffeln f\u00fcr Gnocchi. In den kleinen konzentriert sich zu viel St\u00e4rke.\u00bb<\/p>\n<p>Stimmt, die Gnocchi die ich damit gemacht habe, waren die besten seit langem. \u00abDas beste Aroma haben Kartoffeln im Oktober, herrlich! Im Fr\u00fchjahr werden sie zu s\u00fcss, wenn sie spriessen. Die Leute meinen ja immer, nur schlechte Kartoffeln w\u00fcrden Ausw\u00fcchse bekommen. Das stimmt eben nicht. Zum essen sind sie zwar nicht mehr gut, aber es zeigt, dass es eine gute Kartoffel war!\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/lauch.jpg\" alt=\"Lauch\" \/><\/p>\n<p>Nein, schlecht hat er es nicht gemacht im Leben, als \u00abGmiesb\u00fc\u00fcr\u00bb. Hat gut verdient. Auch wenn das viele Leute neidisch macht. Sogar die eigene Verwandtschaft. Ganz schlimm. Immerhin, alle seine drei S\u00f6hne sind etwas geworden. Obwohl er doch nie viel Zeit hatte f\u00fcr sie. Sind zum Gl\u00fcck keine \u00abDottel\u00bb, haben studiert. Die Landwirtschaft hat sie allerdings nie gross interessiert. Aber einen kleinen Gem\u00fcsegarten hat trotzdem jeder von ihnen!<\/p>\n<p>Seine Kunden sind sein Publikum, der Gem\u00fcsestand rund um den Marktwagen seine B\u00fchne. Er kennt die Leute seit Jahrzehnten, ihre Geschichten und Schicksale. Aber er wechselt nicht nur Worte. Er schenkt ihnen auch seine Zeit und muntert auf. Daf\u00fcr heimst er schon mal da und dort ein K\u00fcsschen von den Damen ein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/laderampe.jpg\" alt=\"Laderampe\" \/><\/p>\n<p>Und er liest seine Kunden, wie es im Buche steht. Ein \u00e4lterer Herr steht etwas rat- und wortlos vor der Kiste mit dem Blumenkohl. \u00abM\u00f6chten Sie den Blumenkohl?\u00bb \u2013 Schulterzucken. \u00abIch schneid ihn auch gerne in die H\u00e4lfte, wenn Sie m\u00f6chten, kein Problem.\u00bb \u2013 Erleichterung. Wo gibts denn heute noch so was?<\/p>\n<p>Sein Lieblingsessen, keine Frage, sind Kartoffeln. In jeder erdenklichen Form. Aber eigentlich isst er alles gerne. Gut, auf Teigwaren ist er nicht besonders scharf. Aber er isst sie. Reis? Nicht seine Kragenweite, aber wenn seine Frau kocht, wird nicht gemurrt. Er isst einfach alles.<\/p>\n<p>\u00abHaben Sie einen Sack, ich habe meine Einkaufstasche vergessen?\u00bb \u00abJaja, ich habe mehr S\u00e4cke als Kunden, haha ha!\u00bb<\/p>\n<p>Die letzte Geste liebe ich besonders: Die Peterli-Zugabe. Egal wer wie viel gekauft hat, am Schluss packt er immer einen B\u00fcschel Kr\u00e4uter, eine Knoblauchknolle oder ein Ei dazu. Damit entlockt er seinen Kunden nochmals ein verlegenes L\u00e4cheln, und dann verabschiedet man\u00a0 sich mit den besten W\u00fcnschen \u2013 bis n\u00e4chsten Samstag.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abIch kenne Sie\u00bb, sagt der Gem\u00fcseh\u00e4ndler. Greift eine Karotte und streckt sie mir entgegen. 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