{"id":731,"date":"2009-05-08T00:22:30","date_gmt":"2009-05-07T22:22:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=731"},"modified":"2009-05-24T10:59:44","modified_gmt":"2009-05-24T08:59:44","slug":"tausendundein-klischee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=731","title":{"rendered":"Tausendundein Klischee"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/tajine.jpg\" alt=\"Tajine\" \/><\/p>\n<p>\u00abHello, Deutschland? France? Espa\u00f1a? No? Eeh, Italiano!?\u00bb<\/p>\n<p>An jeder Ecke dasselbe Spiel. Das war \u2013 vor einer kleinen Ewigkeit zumindest \u2013 in den Strassen von Marrakesch die Standardanrede. Viel hat sich wohl trotz vielen Ver\u00e4nderungen nicht gross ge\u00e4ndert, wenn ich die sch\u00f6ne <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/nachrichten\/panorama\/der_auszug_aus_der_medina_1.2329563.html\" target=\"_blank\">Abschiedsgeschichte<\/a> von <a href=\"http:\/\/www.tierisch-timmerberg.de\/index.php\" target=\"_blank\">Helge Timmenberg<\/a> lese.<\/p>\n<p>Dabei trage ich weder Shorts mit weissen Sports\u00f6ckchen in Klettverschluss-Sandalen noch eine Kamera um den Hals. Ich bin \u00abHabibi Claudio\u00bb, was so viel bedeutet wie Liebling Claudio.<\/p>\n<p>So jedenfalls nennen sie mich in der Familie meines Schwagers, und der ist mein Begleiter und selbst Marokkaner. Nein, besser noch: Berber. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die den Teppich-, Schmuck- oder Was-auch-immer-H\u00e4ndlern eh Merguez ist, also Wurscht.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie war ich einfach eine fette Brieftasche auf zwei Beinen. Meine Frau hingegen war: \u00abEeh, la Gazelle!\u00bb. Ausser sie signalisierte, genau wie ich, bei jeder Anmache dezidiertes Desinteresse. Dann hiess es: \u00abEh, quoi, tu est raciste!? Pourquoi tu est raciste!?\u00bb. Oder es kam, auch wenn wir schon 50 Meter weiter waren, ein: \u00abWhat do you think, you\u2018re not a beauty!\u00bb hinterhergerufen.<\/p>\n<p>Marokko ist trotzdem sch\u00f6n. Unversch\u00e4mt sch\u00f6n sogar. Erst recht in der Erinnerung. Und das Essen ist schlicht bet\u00f6rend. Sogar Nichtalkoholisches wie \u00able whisky marocain\u00bb, frischer, mit 128 St\u00fcck Zucker ges\u00fcsster, Pfefferminztee, macht dich komplett betrunken vor Genussfreude.<\/p>\n<p>Wenn mich solche Wehmut packt, ist wieder mal eine Art <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tajine\" target=\"_blank\">Tajine<\/a> angesagt. Zwar habe ich auch keinen original marokkanischen Zipfeltopf, aber ein Terracottabr\u00e4ter sollte es schon sein. Damit kann man wunderbar sanft und saftig garen.<\/p>\n<p>Zuerst werden die H\u00fchnerst\u00fccke rundherum in Oliven\u00f6l angebraten. Ich mache das in einer Metall-Kasserolle und lege erst dann das Huhn in das irdene Gef\u00e4ss. Danach kommen, ebenfalls in die Metall-Kasserolle: eine grosse Gem\u00fcsezwiebel in Streifen, zwei zerdr\u00fcckte Knoblauchzehen, ein St\u00fcck frischer Ingwer und etwa zehn Safranf\u00e4den. Alles sanft glasieren.<\/p>\n<p>Hitze etwas erh\u00f6hen und mit dem Saft einer Zitrone abl\u00f6schen. Dabei den sch\u00f6nen Bratensatz vom Poulet vom Topfboden kratzen. Paprikapulver dazu, Pfeffer und etwa einen Liter selbstgemachte H\u00fchnerbr\u00fche. Wie, keine selbstgemachte da? Nein, unverzichtbar ist das nicht, aber sagen wir, unverzeihlich?<\/p>\n<p>Auf Kurkuma, Kreuzk\u00fcmmel, Raz el Hanout und dergleichen kann ich hingegen verzichten. Das Gericht k\u00fcsst auch in europ\u00e4isiert-gem\u00e4ssigter Form sch\u00f6nste Erinnerungen wach.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcssigkeit kommt nun mit l\u00e4ngs halbierten Kartoffeln und Karotten im Terracottabr\u00e4ter f\u00fcr eine Dreiviertelstunde in den 200 Grad heissen Ofen. Danach kommen f\u00fcr weitere 20 Minuten Buschbohnen hinzu. F\u00fcr die letzten 10 Minuten dann noch ein paar Zweige glatte Petersilie (wer mag, auch Koriander) und Oliven.<\/p>\n<p>Gr\u00fcn oder schwarz, je nach Vorliebe. Aber entsteinte empfehle ich nicht. Diese matschigen Dinger schmecken nur halb so gut wie die ganze Frucht. Und beim Essen soll man ruhig etwas zum Spielen im Mund haben. Wir sind ja nicht im Altersheim oder mit gebrochenem Kiefer im Spital.<\/p>\n<p>Am besten tunkt man die herrlich safranisierte, leicht bitter-s\u00e4uerliche Sauce mit viel Sesam-Fladenbrot auf, wie man es bei vielen t\u00fcrkischen H\u00e4ndlern oder gr\u00f6sseren D\u00f6nerbuden bekommt. Nostalgiker wie ich klemmen sogar Speisest\u00fccke zwischen das Brot und f\u00fchren den Happen dann zum Mund.<\/p>\n<p>Schon vergessen? In Marokko isst man doch von Hand!<\/p>\n<p>Und Klischees werden genau so viele erf\u00fcllt wie entlarvt. Kommt ganz darauf an, wie fest man sich darauf einl\u00e4sst.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/tajine-teller.jpg\" alt=\"Tajine Teller\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abHello, Deutschland? France? Espa\u00f1a? No? Eeh, Italiano!?\u00bb An jeder Ecke dasselbe Spiel. Das war \u2013 vor einer kleinen Ewigkeit zumindest \u2013 in den Strassen von Marrakesch die Standardanrede. Viel hat sich wohl trotz vielen Ver\u00e4nderungen nicht gross ge\u00e4ndert, wenn ich die sch\u00f6ne Abschiedsgeschichte von Helge Timmenberg lese. Dabei trage ich weder Shorts mit weissen Sports\u00f6ckchen [&hellip;]<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2],"tags":[],"class_list":["post-731","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-gekocht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/731","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=731"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/731\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=731"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=731"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=731"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}