{"id":754,"date":"2009-06-24T03:13:49","date_gmt":"2009-06-24T01:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=754"},"modified":"2009-07-21T04:40:24","modified_gmt":"2009-07-21T02:40:24","slug":"weicher-kern-fur-einen-harten-kern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=754","title":{"rendered":"Weicher Kern fuer den harten Kern"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/markbeine.jpg\" alt=\"Markbeine\" \/><\/p>\n<p>Der Bauch ist riesig. Ein kolossaler Boiler von unfassbarem Fassungsverm\u00f6gen. So prall und rund und schwer, der K\u00f6nig k\u00f6nnte unm\u00f6glich aufrecht stehen. Sein fetter Wanst w\u00fcrde ihn vorn\u00fcber zu Boden reissen.<\/p>\n<p>Er sitzt auf seinem Hosenboden und lehnt mit gespreizten Beinen an einen Baum. Nicht ungl\u00fccklich. Mit roten B\u00e4cklein. Eine grosse, karierte Serviette um den Hals geknotet. Sein Maul erwartungsvoll aufgerissen und zug\u00e4nglich. Lange Holzleitern sind links und rechts an seine Arme gestellt.<\/p>\n<p>Eine Kolonne aus Metzgergesellen und K\u00fcchenjungen klettert am Riesen hoch. Hinauf zu seinem Schlund. Sie schultern Schweineh\u00e4lften, Schinken am Knochen und allerlei Braten. Sie f\u00fcttern und m\u00e4sten ihn mit den allerbesten Speisen. Den Schlaraffenk\u00f6nig.<\/p>\n<p>Rund um ihn herum wuseln M\u00e4gde und Knechte, K\u00f6che und B\u00e4cker, Winzer und Brauer. Sie schneiden und sch\u00f6pfen, braten und schmoren, kneten und backen und f\u00fcllen auf Platten und T\u00f6pfe und giessen in Karaffen und Kr\u00fcge, was das Land an lukullischen Gen\u00fcssen hergibt.<\/p>\n<p>Dieses fr\u00f6hliche Wandbild empf\u00e4ngt einem im Restaurant \u00abLe Nouvel Abattoir\u00bb in Kronenbourg, dem Stadtviertel Strassburgs, wo auch die gleichnamige und gr\u00f6sste Bierbrauerei Frankreichs steht.<\/p>\n<p>Es liegt, wie der Name vermuten l\u00e4sst, direkt neben dem Schlachthaus. Und es bietet, so viel ist sicher, ungehemmt Fleisch. Schlachtvieh de barbe \u00e0 queue, also vom Kopf bis zum Schwanz, von innen bis aussen. Klassische Gerichte auf rot-weiss karierten Tischdecken. Vom Presskopf bis zu knusprigen Schweineohren.<\/p>\n<p>Das Tartar wird selbstverst\u00e4ndlich am Tisch zubereitet. In einer Menge, die in einem Sternelokal f\u00fcr 12 Portionen reichen w\u00fcrde. Dort allerdings vom Fisch. Wer isst heute noch Rindstartar? Hier ist es eine Vorspeise f\u00fcr eine Person.<\/p>\n<p>Nach Salat oder Gem\u00fcse fragt man besser nicht. H\u00e4me ist noch das Harmloseste, das man sich damit einhandeln w\u00fcrde. Obwohl, eine \u00abSalade mixte\u00bb gibt es: Kutteln gemischt mit Ochsenmaulsalat.<\/p>\n<p>Besser man bestellt eine andere beliebte Vorspeise: Os \u00e0 moelle \u2013 zwei der l\u00e4nge nach aufges\u00e4gte Markbeine. Serviert mit nichts als einem T\u00f6pfchen grobem Meersalz und einem K\u00f6rbchen knusprig-frischem Baguette.<\/p>\n<p>Das Bild, das die G\u00e4ste abgeben, ist \u00e4hnlich grotesk, wie das Wandbild im Eingang. Es sind mehrheitlich M\u00e4nner \u00fcber f\u00fcnfzig. Ihre speckigen, mit feinen \u00c4derchen durchzogenen Gesichter leuchten in einem so intensiven Magenta, man hat Angst, die K\u00f6pfe k\u00f6nnten im n\u00e4chsten Augenblick platzen.<\/p>\n<p>Und man muss regelrecht mit sich k\u00e4mpfen und sich zur\u00fcckhalten, um nicht hinzueilen und ihnen den Hemdkragen aufzukn\u00f6pfen oder wenigstens die verdammte Krawatte zu lockern.<\/p>\n<p>Dazu bechern sie nat\u00fcrlich munter Rotwein, als g\u00e4be es kein Morgen. Und das am Mittag. An einem ganz gew\u00f6hnlichen Werktag. Danach gehen sie vermutlich zur\u00fcck in ihr B\u00fcro und schlafen dort gem\u00fctlich weiter.<\/p>\n<p>Der Patron ist ein Raubein wie er im Buche steht. Keiner dieser Feelgood-Gastronomen, die sich mit einem lockeren Spruch kaufen lassen. Er ist der Chef im Stall. Und man muss sich gut \u00fcberlegen, was man sagt, wenn man seine Bestellung abgibt. Obwohl er nichts anderes als blutig serviertes Fleisch toleriert\u00a0 \u2013 und das geht immerhin von bleu bis saignant \u2013 fragt er nach der gew\u00fcnschten Cuisson.<\/p>\n<p>Wer die Dummheit begeht, sich weiter vorzuwagen und ein \u00e0 point (in etwa ein medium rare) bestellt, dem entreisst er die Speisekarte, knallt sie demonstrativ zu und stolziert zum Buffet, wie ein Stierk\u00e4mpfer aus der Arena. Dazu ruft er zur Erheiterung des Publikums durch den Saal: \u00abEinen Eimer voll Klee f\u00fcr Monsieur am Tisch sechs, wenn es beliebt!\u00bb<\/p>\n<p>Leider ist das jedoch alles pass\u00e9 und nur noch eindr\u00fcckliche Erinnerung. Das Nouvel Abattoir ist Geschichte. Es wurde selbst abattu \u2013 niedergerissen. Auch der Schlachthof steht nicht mehr. Daf\u00fcr ein riesiger IKEA. Was wiederum auch eine Art Schlachthaus ist.<\/p>\n<p>Immerhin konnte ich in Erfahrung bringen, dass der Sohn des damaligen Besitzers ein neues <a href=\"http:\/\/www.restaurantabattoir.fr\/default.cfm?#cont\" target=\"_blank\">Restaurant<\/a> gefunden hat und dieses im Sinne des ehemaligen Abattoir weiterf\u00fchrt. Ausprobiert habe ich es jedoch noch nicht. Ein Blick auf die Karte l\u00e4sst aber Gutes erahnen.<\/p>\n<p>Nach dem Abflachen der BSE-Hysterie und entsprechend abstinenten Jahren \u00fcberkam mich jedoch eine so starke Nostalgie, dass ich mir tats\u00e4chlich wieder zwei Markbeine unter die Grillschlange gelegt habe. Zehn bis f\u00fcnfzehn Minuten, bis es anf\u00e4ngt zu knistern und zu blubbern.<\/p>\n<p>Und mit nichts serviert, als einem T\u00f6pfchen grobem Meersalz und einem K\u00f6rbchen knusprig-frischem Baguette.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/markbein-auf-baguette.jpg\" alt=\"Markbein auf Baguette\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bauch ist riesig. Ein kolossaler Boiler von unfassbarem Fassungsverm\u00f6gen. So prall und rund und schwer, der K\u00f6nig k\u00f6nnte unm\u00f6glich aufrecht stehen. Sein fetter Wanst w\u00fcrde ihn vorn\u00fcber zu Boden reissen. Er sitzt auf seinem Hosenboden und lehnt mit gespreizten Beinen an einen Baum. Nicht ungl\u00fccklich. Mit roten B\u00e4cklein. 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