{"id":766,"date":"2009-07-31T23:09:28","date_gmt":"2009-07-31T21:09:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=766"},"modified":"2009-08-22T23:08:42","modified_gmt":"2009-08-22T21:08:42","slug":"dreamcatcher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=766","title":{"rendered":"Dreamcatcher"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_1.jpg\" alt=\"Da Maria 1\" \/><\/p>\n<p>Gefangen. Das Traumbild verheddert in einem spinnwebenartigen Geflecht aus Darmschnur. In einem dieser reifenf\u00f6rmigen, federbehangenen indianischen Traumf\u00e4nger, die hier herumbaumeln.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_13.jpg\" alt=\"Da Maria 13\" \/><\/p>\n<p>Heilige Algengr\u00fctze, was hat dieser nordamerikanische Firlefanz eigentlich in einer italienischen Fisch-Trattoria verloren?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_11.jpg\" alt=\"Da Maria 11\" \/><\/p>\n<p>Ich war mir noch nie ganz sicher, was es mit diesen Dingern auf sich hat. Oder was sie genau fangen sollen \u2013 ausser Staub nat\u00fcrlich. Aber hier, neben bedrohlich esoterisch angehauchten Bildern, shintoistisch inspirierten Mini-Schreinen und viel Muranoglas, tragen sie einfach zur surrealen Gesamtstimmung bei. Vielleicht habe ich aber auch einfach eine Scheiss-Aura.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_2.jpg\" alt=\"Da Maria 2\" \/><\/p>\n<p>Letztes Jahr noch war <a href=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/?p=543\" target=\"_blank\">mein Traum<\/a> frei, ungebunden \u2013 und hoffnungsvoll. Und meine Sehnsucht gross, einmal hierher zu kommen, wo Fisch kompromisslos ehrlich zubereitet wird. Ich wollte unbedingt in diesem Slow Food-Mythos Namens \u00abDa Maria\u00bb essen gehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_4.jpg\" alt=\"Da Maria 4\" \/><\/p>\n<p>Jetzt hat es sich ausgetr\u00e4umt. Aufwachen ist immer etwas verwirrend. Manchmal tut es auch ein bisschen weh. Es ist nicht so, dass etwas Schlimmes passiert w\u00e4re. Das Essen \u2013 und deshalb sind wir ja hier \u2013 ist wirklich \u00fcberdurchschnittlich gut.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_3.jpg\" alt=\"Da Maria 3\" \/><\/p>\n<p>Beeindruckend kompromisslos. Aber das Erlebnis entspricht trotzdem in keiner Weise der Vorstellung, die ich hatte.<\/p>\n<p>Ich habe nichts gegen romantische Restaurant-Schilderungen. Gerade einfache italienische Lokale vertragen recht gut eine \u00fcppige Portion Schw\u00e4rmerei. \u00dcber die Simplizit\u00e4t der Rezepte, der Einrichtung und der ansteckend famili\u00e4ren Stimmung. Aber man muss auch mal geradeaus sagen k\u00f6nnen, wenn ein Etablissement schr\u00e4g r\u00fcberkommt. Nicht dramatisch. Aber auch nicht einfach nur kurios. Mehr so ein bisschen LSD.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_10.jpg\" alt=\"Da Maria 10\" \/><\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt schon beim Reservieren an: \u00abZum Essen? Ah, ja? Bei uns? Ei-ei-ei! Aber wann? Schon morgen! Uuh, weiss nicht. Domenica, da will jemand zum Essen kommen. Ja, wirklich. Schon morgen! Wer sind Sie, haben Sie gesagt? Und wie viele Personen? Wie? Oh, Dio, nein. Puh, Mittwoch? Ginge das f\u00fcr Sie? Aber Sie m\u00fcssen mich vorher anrufen. Ich halte Ihnen einen Tisch frei. Aber rufen Sie mich bitte am Mittwochmorgen an. Wir m\u00fcssen das am Mittwoch kl\u00e4ren, ja? Ich weiss ja nicht, was gefangen wird. Ob der Fisch dann f\u00fcr alle reicht. Also, wir h\u00f6ren uns!\u00bb<\/p>\n<p>Die meinen das also tats\u00e4chlich ernst. Ich liebe das. Die Vorstellung, dass man nicht aus einer Speisekarte w\u00e4hlt. Sondern zu essen bekommt, was da ist. Als ob man bei jemandem zuhause eingeladen w\u00e4re. Was uns wohl erwartet? Eine Mischung aus Vorfreude und dem Gef\u00fchl, einen \u00fcblen Fehler zu begehen, macht sich breit.<\/p>\n<p>Das Lokal zu finden war nicht leicht. Ich h\u00e4tte eigentlich wissen m\u00fcssen, dass der Eingang geradezu l\u00e4cherlich unscheinbar ist, nach <a href=\"http:\/\/www.baschetti.de\/content\/italien-2008-essen-iv-fano\" target=\"_blank\">dieser Beschreibung<\/a>. Aber unser Navy-System spinnt v\u00f6llig und irrt mehrmals am Ziel vorbei. Vermutlich wird das TomTom-Chakra von den esoterischen Interferenzen fehlgeleitet, die aus der Trattoria str\u00f6men.<\/p>\n<p>Dass uns Sekunden bevor wir (versp\u00e4tet, aber telefonisch avisiert) eintreten, eine Gruppe unseren (den letzten) Tisch im Garten wegschnappt, erheitert die Stimmung auch nicht gerade. Maria und Domenica sind ausser sich.<\/p>\n<p>Und vor allem ausser Stande, die Sache zu berichtigen. Wir hatten eine Reservierung, die nicht. Aber da kann man nichts machen \u2013 Schicksal! Das b\u00f6se Werk einer h\u00f6heren Macht. Murphy!<\/p>\n<p>Daf\u00fcr m\u00fcssen wir bei der Hitze als einzige im Innern hocken und uns bei jedem Auftauchen von Maria oder Domenica anh\u00f6ren, wie untr\u00f6stlich sie sind und wie ungerecht doch alles ist. Andererseits, der Innenhof ist optisch anstrengend: Die Leute, die Energiesparlampen, die Dekoration. Eigentlich haben wir es drinnen viel, viel besser!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_5.jpg\" alt=\"Da Maria 5\" \/><\/p>\n<p>Und auch die beiden Frauen, die \u00fcbrigens wirklich g\u00f6ttlich kochen, haben ihren optischen Reiz. Tochter Domenica gibt sich den afrikanischen Turban und ein buntes We-are-the-world-Outfit. Ich wollte es ausblenden, aber ich glaube mich erinnern zu m\u00fcssen, dass sie sogar MBT-Sandalen dazu trug.<\/p>\n<p>MBT ist diese unglaublich behinderte Schuhmarke mit dem noch behinderteren\u00a0 Claim &#8222;The Anti-Shoe&#8220; \u2013 also besser h\u00e4tt ich den auch nicht hinbekommen!<\/p>\n<p>Den Vogel schiesst aber Mutter Maria ab: Sie kocht(!) und serviert mit einer dicken, fetten Ray Charles-Sonnenbrille auf der Nase. Sie sieht damit allerdings eher aus wie Iggy Pop nach einem schlauchenden Konzert. Sie sagt, sie halte sonst die Hitze vom grossen Holzofen in der K\u00fcche nicht aus \u2013 whatever.<\/p>\n<p>Bevor aufgetragen wird, gibt es Bruschette mit Oliven\u00f6l und einen eiskalten Bianchello. Wunderbar. Dann die erste Platte: Steinbutt, Seezunge und Knurrhahn. Lediglich ged\u00e4mpft mit Petersilie, Oliven\u00f6l und einem Hauch Knoblauch.<\/p>\n<p>Alles \u00fcppig bemessen. Alles unglaublich frisch, zart und wohlschmeckend.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_6.jpg\" alt=\"Da Maria 6\" \/><\/p>\n<p>Wenn nur nicht diese Musik w\u00e4re! Ich komme mir vor wie auf einer Beerdigung bei Six Feet Under. Schwer ertr\u00e4gliche Orgelkl\u00e4nge. Ab und zu erweitert um eine qu\u00e4lende Dimension Panfl\u00f6tenkl\u00e4nge. Ich traue mich aber nicht, den beiden zarten Wesen zu sagen, sie m\u00f6gen die \u201eMusik\u201c doch bitte verstummen lassen. Ich k\u00e4me mir vor wie ein seelenloser Heide.<\/p>\n<p>Ein kleiner gr\u00fcner Blattsalat wird aufgetragen. Reines Alibi. Dazu ausgezeichnete Alboretti (\u00e4hnlich Sardinen) in Essig und eine Platte voller Panocchie, Cannarocchie oder Moscatelli wie die Fangschreckenkrebse sonst noch in den verschiedenen Regionen Italiens heissen. Unbeschreiblich gut!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_7.jpg\" alt=\"Da Maria 7\" \/><\/p>\n<p>Es folgen Fische, Krusten- und Schalentiere im klassischen Brodetto im Tontopf, mit einem schwer aromatisierten Tomatensugo: Himmelsgucker, kleiner Katzenhai, Calamaretti, Seezunge, Drachenkopf, Sardinen, Makrelen, Muscheln, Garnelen und separat dazu eine Platte mit Krabben, ebenfalls an Tomatensugo.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_12.jpg\" alt=\"Da Maria 12\" \/><\/p>\n<p>Es ist zum Fingerlecken! Nicht zuletzt weil man die Krabbenteile am besten mit den H\u00e4nden isst und mit auff\u00e4lligen Nebenger\u00e4uschen leersaugt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_8.jpg\" alt=\"Da Maria 8\" \/><\/p>\n<p>Ich habe mich noch nie mit Fisch so sattgegessen. Dazu von so Auserlesenem. Normalerweise wird Fisch ja eher in diskreten Portionen und mit Beilagen serviert. Das hier ist fast schon exzessiv. Aber unvergleichlich gut.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.anonymekoeche.net\/wp-content\/uploads\/da-maria_9.jpg\" alt=\"Da Maria 9\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr die Nachspeise, so ein komischer Kuchen wie Panettone, der aber nicht Panettone heisst, gibt es keinen Platz. Es reicht gerade noch f\u00fcr einen Ristretto.<\/p>\n<p>Wir sind anscheinend nicht die Einzigen, denen das Ambiente etwas aufs Gem\u00fct geschlagen hat. Der Hund von Domenica geht zu vorger\u00fcckter Stunde bellend von Tisch zu Tisch. \u00abH\u00f6r auf unsere G\u00e4ste anzubetteln!\u00bb, schimpft sie.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich klingt das Bellen eher wie: \u00abHey, geht endlich nach Hause! Los, zischt ab! Mach endlich mal einer das Licht aus! Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss mir diesen Eso-Sound jeden Tag anh\u00f6ren. Ich kann nicht mehr. Und wo bleibt mein Aspirin!?\u00bb<\/p>\n<p>Wie zur Wiedergutmachung verabschieden uns die beiden Signore \u00fcberschw\u00e4nglich, smalltalken \u00fcber dies und das (takes a fuckin\u2018 hour to say goodbye) und dr\u00fccken uns noch eine ganze Flasche Limoncello in die Hand. Okay, den k\u00f6nnen mein Schwager und ich jetzt gebrauchen.<\/p>\n<p>Wir setzen uns vor unser Ferienappartamento, starren den surreal grossen, gelben Mond \u00fcber dem Meer an und kippen den s\u00fcss-sauren Sirup hinunter \u2013 so warm er auch ist. Spielt eh keine Rolle mehr.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gefangen. Das Traumbild verheddert in einem spinnwebenartigen Geflecht aus Darmschnur. In einem dieser reifenf\u00f6rmigen, federbehangenen indianischen Traumf\u00e4nger, die hier herumbaumeln. 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