sunday times

Fleischvoegel

Was für ein Sonntagsessen: Fleischvögel mit Kartoffelstock!

Gibt es das überhaupt noch? Das Sonntagsessen? Ein Festessen, das man sich als Familie die ganze Woche vom Mund absparen musste, damit am Sonntag ein gutes Stück Fleisch auf den Tisch kam: Der Sonntagsbraten.

Bei manchen Familien hiess das auch: Papa kocht. Nicht Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag. Nur Sonntag. Bei anderen Familien liess sich die Hausfrau zur Kitchenqueen krönen und das ganze Zeremoniell dauerte mehrere Stunden.

Klar, es gab natürlich auch die kommunenhaften 68er-Haushalte in denen Eltern und Kinder zusammenlebten. Letztere konnten froh sein, wenn nach 14 Uhr mal irgendjemand in die Küche schlurfte und kettenrauchend alles auf den Tisch legte, was irgendwie noch essbar aussah: «Brunch! Wer hat hunger?»

Später hiess Sonntagsessen vielleicht auch auswärts essen. Das schonte zwar Papas und Mamas Nerven, aber leider nicht das Portmonnaie, aber egal – das Wir-können-uns-das-leisten-Zeitalter wurde auch kulinarisch ausgekostet.

Als man schliesslich aus der Familie herauswuchs, wuchs auch langsam Gras über das Sonntagsessen.

Und heute? Heute zählt das Hier und Jetzt, sagt man. An morgen denken, kann man morgen noch. Es ist ja alles verfügbar und es stehen einem alle Möglichkeiten offen, man ist ja blöd wenn man das nicht nutzt.

Deshalb scheint es auch keine Rolle zu spielen, was wann auf den Tisch kommt. Jeder isst das, worauf er gerade scharf ist – Essen ist Religion. War es zwar immer schon, aber heute wechselt man seine Religion wie früher die Fussballbildchen auf dem Pausenhof.

Mir ist alles heilig, was Authentizität hat. Und das nicht erst seit gestern.

Bei Mike bin ich auf die Rouladen vom Dexter-Bullen gestossen und ich habe ihm versprochen, dass ich ihm meine Version auftische. Here we go!

Naturaplan

Schöne Bio-Rindsschnitzel werden bei mir leicht mit den Handballen in Form geklopft, mit Senf bestrichen, gesalzen und gepfeffert.

Darauf kommen nur – da siehst du wieder mal, wie asketisch ich bin Mike – fein gewürfelte Schalotten, Bio-Speckstreifen und nur ein einziger Karotten- und ein einziger Büürlistift (Büürli = Semmel). Fertig.

Mit Mehl bestäubt kommen die himmlischen Dinger in eine höllisch heisse Gusseisenpfanne und werden gnadenlos geröstet.

Braten

Die Fleischvögel kommen in die Wärme und die Bratbutter wird verworfen. Auf dem angehockten Bratensatz karamellisiere ich in frischer Butter Karotten- und Selleriewürfel, Schalotten und Knoblauch.

Anschliessend wird etwas Tomatenmark mitgeröstet und mit etwa 3 dl Rotwein abgelöscht. Reduziert der Wein auf Sirupkonsistenz kommt etwa 1 dl von meiner Demi-Glace hinzu.

Ich liebe eine klare Sauce zu Fleischvögeln.

Deshalb giesse ich gut 4 dl Wasser dazu und gebe die Rouladen für eine Stunde auf butterzartmachende Minimaltemperatur zum Schmoren.

Sauce

10 Minuten vor dem Servieren kommt noch etwas Petersilie und wenig Thymian zur Sauce. Mit Butter, Salz und Pfeffer justieren.

Dazu ein luftig lockerer Kartoffelstock mit viel Butter, Rahm und wenig Muskat.

Ich glaube fast, dieses Sonntagsessen könnt ich jeden Tag verdrücken!


13 Kommentare zu sunday times

  1. Gabi am 10. März 2008 at 08:07:

    Schönes Rezept – und schöne Gedanken zum „Sonntagsessen“… ja, so war das auch zu meiner Kindheit, seufz: Es gab sonntags eine ordentliche „Vorsuppe“, ein ordentliches Stück Braten und anschließend einen Pudding. Und Mutter stand von neun bis 12 nonstop am Herd – tue ich mir nicht erst gar nicht an, zumindest nicht am Sonntag 😉

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  2. Mike Seeger am 10. März 2008 at 09:22:

    Niedlich, Deine asketischen Fleischvögel. Trägst Du beim Kochen eigentlich eine Mönchskutte? Stellte ich mir gerade so vor.
    So ganz riesige Unterschiede gibt es ja nicht, lediglich fehlt bei Dir die Gurke, und die Zwiebeln/Schalotten sind bei mir wegen des Geschmacks angeröstet. Rouladen sind natürlich größer als Fleischvögel, sie sind quasi der Vogel Srauß unter den Fleischvögeln. Deswegen passt auch mehr rein – in die Roulade. Eine fertig gefüllte Roulade bringt ca. 350 g auf die Waage (auf der Personenwaage potenziert sich das Gewicht am nächsten Tag).
    Ein Textstück habe ich gleich drei mal gelesen: Schalotten und Knoblauch, Schalotten und Knoblauch, Schalotten und Knoblauch. Es hat mich einfach überrascht …

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  3. jürg am 10. März 2008 at 10:42:

    Claudio, ich frage mich gerade ob ein «Fleischvogel» ohne «Füllung» ein sich Fleischvogel nennen darf. Nach kurzer Rechereche bin ich aber tatsächlich auf ein ähnlich asketisches Rezept mit Karotte und Brot gestossen. Für mich persönlich muss ein richtiger Fleischvogel eine Füllung aus Kälbsbrät und Rinder- oder Gemischtem Hack haben.
    Ich habe noch folgende klassische Zubereitung gelernt: Rindssaftplätzli (zum schmoren) von der Unterspälte (nichts von wegen Huft oder so). Anstelle von geräuchertem Speck reinen weissen ungeräucherten Speck nehmen. Das ganze wurde dann einfach mit dem «Wochenrückblick-Frikadellenbrät» gefüllt! e guete
    Ps: Von BIO hat natürlich noch kein Mensch geredet, meiner Meinung nach zurecht.

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  4. Claudio am 10. März 2008 at 14:09:

    @Gabi: Hab über dich gelesen, dass du für deine Kinder, die Supermäkler, nur ungern kochst und bäckst. Tipp: Zieh mal die Nummer mit der 68er-Kommune durch – die werden danach um deinen Food betteln!

    @Mike: Wird bald Zeit, dass ich mal mein Evangelium betreffend der Kombination Zwiebel/Knoblauch und die grössten Sünden in diesem Zusammenhang verkünde. Hab Geduld, ich geh mich vorher nochmal geisseln!

    @Jürg: Das Brot war ursprünglich bestimmt eine Arme-Leute-Methode zum strecken und stopfen. Aber ich bin erleuchtet von soviel Geschmack und Genussfreude! Du kennst ja mein Credo: Aus wenig das Beste herausholen. Zum Bio: Ich kaufe nicht blind. Ich hab schon Bioqualität gekauft, die schlechter geschmeckt hat, als das normale Zeug. Allerdings hat es ausgerechnet ein Grossverteiler geschafft, Bio- und Naturaplan-Fleisch anzubieten, das im direkten Vergleich 100% besser schmeckt. Im Gegensatz dazu frag ich mich manchmal, wieso der kleine Dorfmetzger es immer wieder schafft, meine Erwartungen gnadenlos zu enttäuschen.

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  5. Frenk am 10. März 2008 at 17:05:

    Yummy! In der Tat, Deinem sonntäglichen Katechismus ist nichts hinzu zu fügen! Amen! Pfarrer Troxler und Schwester Helen sei Dank, Gott hab‘ ihre guten Seelen selig.
    Fleischvögel sind eine Spezialität von Bea. Sie macht sie allerdings auch mit Hack/Brät. Das Gericht steht bei unseren Mädels zu oberst auf der Liste, gleich nach Papa’s Gnocchi al sugo.

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  6. comenius am 11. März 2008 at 03:06:

    mein karma schmelzt sich zu dir hin.
    ich glaube fast, ich gehe nächsten sonntag joggen. eventuell 546x um dein haus? das du die möglichkeit hast zu sagen: hey, comenius! was für ein zufall? komm rein! was? du hast noch nicht gegessen? komm, nimm platz! schau mal, sonntagsessen! fleischvögel! iss!
    sehr schön. sehr sehr schön.
    mein bruder macht die sauce für die fleischvögel (logisch heissen sie fleischvögel, aus was besteht denn ein vogel? ) mit 1/3 süssmost/apfelsaft. perfekt zu dem salzigem element.
    (die milch wird ja verwendet, weil sie das fleisch weicher macht. marcella behauptet es zumindest)
    anyway. wer kann mir das beste rezept für einen hackbraten liefern?
    mein letztes essen bevor ich hingerichtet werden sollte, ist definitiv hackbraten, mit viel sauce/demi-glace und dann in weissbrot einklemmt!
    bis anhin, vieleicht ab jetzt auch fleischvögel. danke claudio. ich muss mich zum glück nicht heute entscheiden.

    ps: claudio. meine weltbeste lasagne der welt hat zwiebeln UND knoblauch zwischen den schichten! purist hin oder her. so schmeckt sie am besten.
    pps: bürlistift? das ist doch toastbrot. zumindest weissbrot! tell the truth brother!

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  7. Claudio am 11. März 2008 at 11:11:

    @Frenk: Da hast du Glück. Meine Jungs sind noch in der «Bäh!»-Phase.
    @Comenius: Helles Büürli – schwöre, Mann! (Achtung: nicht Doppelbüürli)

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  8. zorra am 30. März 2008 at 09:42:

    Muss ich auch wieder mal machen, wenn auch nicht als Sonntagsessen, das haben wir nämlich abgeschafft. Bei uns ist jeden Tag Sonntag. 😉

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  9. San Ju am 14. Juli 2008 at 12:34:

    Vor und nach der Kirche

    Deine Fleischvögel,erinnern mich irgendwie an die Art, wie sie meine Mutter in den 60er des vorigen Jahrhunderts zubereitete. Mit nur wenigen Unterschienden:

    – der Rindschnitzel, vermutlich Kuhfleisch (wieso sollte man auch ein Rind metzgen?)
    – der Karottenstift, ein Rüebli-Viertel
    – der Bürlistift, eine Brotrinde (alt)
    – der Speckstreifen, ein Stück Spickspeck (Lardo?)
    – Salz und Pfeffer, Aromat
    – kein Senf, keine Schalotten
    – zusammengebunden mit Heftfaden aus dem Nähkörbchen
    – angebraten und in die (Knorr-)Sauce gelegt VOR dem Kirchgang
    – zartgekocht während der Messe

    …und dazu feiner Kartoffelstock und gedämpfte Rüebli, welch ein Sonntagmittag.

    Eure Seite gefällt mir

    San Ju

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  10. Gedanken zum Sonntagessen und ein Retro-Dessert | Crockyblog am 6. August 2008 at 12:19:

    […] es das überhaupt noch? Ein Sonntagessen?” hatte Claudio von den Anonymen Köchen in diesem Beitrag gefragt und ein paar sehr schöne Antworten gleich mitgeliefert. Ich gebe zu: Auch bei uns […]

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  11. Papakocht.de am 18. April 2009 at 22:12:

    Iss ja Super das hier .
    Per zufall gefunden ich komm nun öffters her .
    Liebe Grüße Papakocht.de

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  12. Schreiberswein | ProWein: Tops & Flops am 21. April 2009 at 11:04:

    […] Ungenießbarste Produkte auf dem Teller: Die Kartoffeln zur Rindsroulade im […]

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  13. Die Essgewohnheiten der Schweizer - myPfadFinder am 18. Oktober 2015 at 11:45:

    […] mit Kartoffelstock. Rezept hier · […]

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