Einfach aus Gewohnheit

Vitello Tonnato

Achtung! Das hier ist kein Originalrezept für Vitello Tonnato.

Das fällt mir jetzt erst auf: Ich predige zwar oft Wasser, dabei bin ich immer für Wein zu haben.

So stehe ich oft vehement für ein Originalrezept ein und werde sogar äusserst ungehalten, wenn das vermeintliche Originalrezept nicht eingehalten wird.

Dabei schau ich so gut wie nie in ein Kochbuch. So wie andere, die ihre Sammlung klein nennen (was ist dann meine, mikroskopisch?).

Ja, ich war noch nicht einmal in einem einzigen Kochkurs. Woher nehme ich also den Anspruch, Hüter der Originale zu sein?

Mir scheint eher, es handelt sich bei mir um eine grassierende Selbstüberschätzung (welcher ich als Entschuldigung immerhin diese neu gewonnene Einsicht entgegenhalten kann). Ich koche so, wie ich es für echt (also original) halte und deshalb ist es so, basta!

Meine Täuschung beruht dabei auf etwas familiärem Erbe, persönlicher Erfahrung und dreistem abkupfern. Das Abkupfern kann visuell, literarisch oder gustatorisch inspiriert sein.

Bei Vitello Tonnato war es schon immer so. Als ich es vor Jahren das erste Mal zubereitet habe, wäre ich nie auf die Idee gekommen, das Rezept zu suchen (weder in einem Kochbuch und schon gar nicht im Web – wie ging das früher eigentlich alles ohne Internet?).

Ich habe einfach einige Dinge zusammengemixt, bis ich das Gefühl hatte, jetzt schmeckt es „richtig“, oder eben so, wie ich es von einem Restaurantbesuch in Erinnerung hatte.

Das Kalbfleisch habe ich bis heute auch noch nie selbst zubereitet, sondern immer beim Metzger aufschneiden lassen.

Jetzt habe ich extra für diesen Post einmal das „Originalrezept“ aus dem Silberlöffel mit meiner Sauce verglichen:

Original nach Silberlöffel:
200 Gramm Thon
3 Sardellenfilets
2 Esslöffel Kapern
2 (gekochte) Eidotter
Olivenöl
Zitronensaft
Brühe vom zuvor gekochten Kalbfleisch

Alle Zutaten im Mixer (lustiges italienisches Wort: Tritatutto!) glatt rühren zu einer nicht zu dicken und nicht zu dünnen Sauce.

Meine Version:
160 Gramm Thon
1 Esslöffel Mayonnaise aus der Tube (sic!)
1 Essiggurke
2-3 Esslöffel Olivenöl
1 Esslöffel weisser Balsamico-Essig
Schwarzer Pfeffer
1,5 dl Halbrahm
Kapern zum garnieren

Ebenfalls im Tritatutto zu einer sämigen Sauce mixen.

Was soll ich sagen? Ich finde beide Saucen haben ihre Berechtigung auf meinem Teller. Meine ist einen Tick, wie soll man sagen, leichter? luftiger?

Ist vielleicht nur Einbildung (oh je, doppeldeutig!).

Aber wenn ich dann lese, was auf diesen Fertigpackugen Vitello Tonnato in Delikatessgeschäften, Metzgereien oder Gourmetabteilungen steht, könnt ich wieder ausrasten: Sojasauce! Senf! Milchpulver! Emulgatoren! Geschmacksverstärker! Stärke! Säuerungsmittel!

Wie können die es wagen!?


Asketisches Abendmahl

Krautstiel

Die italienische Küche wird für so vieles gelobt und geliebt.

Für die Einfachheit und die Authentizität. Für die Natürlichkeit der Cucina della Nonna. Für die Kunst der bäuerlichen Hausfrauen, Rezepte von Generation zu Generation weiterzureichen, um damit das Beste aus dem zu machen, was Boden und Umland gerade hergeben.

Oder für das stoische Ignorieren französischer Gastrorevolutionen oder spanischer Schaumschlägerei.

Und doch, eine leichte Schwärmerei kann durchaus in ernster Völlerei münden. Denn auch dafür sorgt die italienische Küche: üppige Portionen, nicht mehr enden wollende Speisefolgen aus reichen Antipasti, Minestre und Minestroni, verlockenden Primi – gefüllt, gestopft und geschichtet – und Secondi, die so viel Platz für sich beanspruchen, dass die Contorni auf separate Beilagenteller verteilt werden müssen.

Von den Dolci ganz zu schweigen, eine schlichte Panna Cotta scheint noch das Harmloseste, aber auch sie ist ein Kalorienkoloss.

Aber die Italiener haben ein Hintertürchen. Und dort, in den eigenen vier Wänden, gibt es etwas, das sie abends genügsam verspeisen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Etwas, das sie keinem Gast als Hauptspeise auftischen würden und dessen Rezept es kaum je ins Buchregal schafft: Verdura cotta.

Wörtlich gekochtes Grünzeug (von verde, grün), steht hier für diverse Blattgemüse wie Bietola (Mangold), Catalogna (Blattzichorie), Cima di Rapa (Stängelkohl), Spinat oder Salat wie zum Beispiel Lattich. Diese dürfen einzeln oder auch miteinander gemischt gekocht werden.

Die Zubereitung ist, wie könnte es anders sein, völlig simpel und ohne Allüren.

Zuerst wird das Gemüse klein geschnitten und dann in Salzwasser weich gekocht. Anschliessend kommt das, was man «ripassare al olio» nennt: Im Öl schwenken.

Dazu wird bestes Olivenöl extra vergine erwärmt, um es mit etwas Knoblauch und Peperoncino zu aromatisieren. Alsdann wird das Gemüse mit einem Schaumlöffel direkt aus dem Sud ins Öl gehoben.

Das Öl sollte nicht zu heiss sein, um garstige Spritzer zu vermeiden. Und das Sudwasser sollte sich etwa im Verhältnis 3:1 mit dem Olivenöl mischen.

Das asketische Abendmahl besteht dann aus diesem Gemüse und allenfalls etwas Käse. Meistens einer schönen Mozzarella in Form von Bufala, Fior di Latte oder Treccina (Zöpfchen).

Ich mag es gerne, einen Teller mit dem warmen Gemüse, in diesem Fall Krautstiel, auszulegen und mittendrin eine kalte Mozzarella di Bufala zu placieren.

Mangold

Kommt das einer genussvollen, leichten, gesunden, natürlichen Ernährung nicht viel, viel näher, als all die verzweifelt angestrengten Fit- und Schlankmacher und „natürlichen“ Abwehrstoffe stärkenden Scheusslichkeiten?

Also, ich kann da nur ein genügsames Lächeln entgegenhalten.


Zwei Steaks, eine Meinung

Hochrippe

Das wirklich Erstaunliche an Basel ist die Nähe zu Frankreich und Deutschland.

Auch der moderne Mensch hat sich noch so etwas wie einen Jagdinstinkt oder zumindest ein einträgliches Beuteschema bewahrt. Als Konsument im Allgemeinen und als bekennender Fleischfresser sowieso.

Wer nicht selbst zu Jagd geht oder Grossvieh aufzieht, pirscht eben durch das Angebot der Metzgereien.

Und so wie sich das Jagdrevier des Neandertalers nicht auf ein begrenztes Gebiet beschränkte, wird heute wohl kaum jemand sein Fleisch bei ein und demselben Metzger einkaufen – und sei er noch so voll seines Vertauens.

Warum das so ist? Neugierde.

Der Mensch kommt voran, weil er sich für Neues interessiert. Tut er das nicht, bleibt er hocken. Und dann spielt es (für ihn) auch keine Rolle, ob er sich von Discounterfleisch oder marinierten Tankstellensteaks ernährt.

Wenn man in der Region Basel lebt, kann man folglich dreifach auswählen, wo man sein Hohrücken kaufen möchte. Und vor allem, was man dafür ausgeben will.

Im Basler Schnitt sind das immerhin rund 50 Franken das Kilo. Es kann aber auch, je nach Metzgerei, locker das Doppelte sein. In Frankreich dagegen ist man mit rund 20 Euro (32 Franken) dabei.

Entdeckt man in deutschen Gefilden jedoch die Schwarzwaldmetzgerei Kalbacher (die mit der lustigen Webseite), bekommt man das gute Stück für 15 Euro (24 Franken) angeboten. Das heisst, für einen Viertel vom höchsten Preis in der Schweiz.

Soll man jetzt eine Debatte darüber anzetteln?

Wer will kann. Auf der anderen Seite ist jeder frei, dort einzukaufen, wo es ihm passt. Das ist wohl, was den marktwirtschaftlich gesteuerten Menschen vom Jäger und Sammler doch wesentlich unterscheidet.

Ich kann nur sagen, das Steak von der Hochrippe war gut. Sehr gut sogar, wenn auch nicht super. Gut 2.5 cm dick und gute 450 Gramm schwer.

Am liebsten hätte ich es auf den Grill gehauen, aber beim aktuellen Sauwetter musste es mit der Bratpfanne vorlieb nehmen. Also habe ich gleich einen kleinen Salz- und Pfannentest gemacht.

Steaks mit Olivenöl, Rosmarin und Knoblauch über Nacht einlegen (Kühlschrank). Zwei bis drei Stunden vor dem Braten herausnehmen.

Steak 1 wurde in der Gusseisenpfanne gebraten. Zuerst Rosmarin und Knoblauch entfernen (verbrennt sonst) ordentlich salzen und pfeffern, dann 2 Minuten pro Seite auf höchster Stufe in Butter/Olivenöl und dann für 10 Minuten ins 100 Grad heisse Rohr (jetzt Rosmarin und Knoblauch wieder dazu geben).

Hochrippe Gusseisen

Fantastisch zart, saftig und trotzdem mit einer knusprigen Oberfläche.

Hohrücken Anschnitt

Steak 2 ging in die Chromstahlpfanne. Gleiches Prozedere, gleiche Garzeit. Jedoch habe ich bewusst erst nachträglich gesalzen und gepfeffert – welch ein Fehler!

Hohrücken Chromstahl

Entgegen der landläufigen Meinung, man dürfe Fleisch niemals vor dem Braten salzen, weil sonst der Saft verloren geht, ist genau das Gegenteil passiert! Meine schöne Knusperkruste – dahin! Der Saft lief fast unkontrolliert aus dem Steak und machte es um einiges zäher und trockener als das erste.

Rib Eye

Fazit: Kalbacher ja, Gusseisen ja, vorher salzen ja.

Was ich nicht ganz begriffen habe ist, ob das Steak die Hochrippe, das Hohrückensteak, das Rib Eye oder das Entrecôte ein und dasselbe Stück sind.

Für den nächsten Test, hier eine kleine Inspiration


Herr ueber Feuer und Flamme

Licence to grill

Guter Rat ist Feuer – aber wie sieht der absolut perfekte Grill aus?

In unserer Rubrik «Gefragt» bittet ein Leser um Hilfe: Sein Weber Grill ist für ihn nur noch ein Ablöscher. Jetzt sucht er die ultimative Alternative, die sein Grillfieber erneut entfacht.

Ist es der marrokanische Tongrill, der mit Kerzenwachs und einer rostigen Blechdose als Kamin entfacht wird? Ist es ein längs aufgesägtes Ölfass, in welches man vier ungeöffnete Kohlesäcke legt, mit Benzin übergiesst und dann ansteckt, um ganze Schweinehälften darauf zu rösten? Oder die argentinische Variante; stundenlang direkt am Boden feuern, stundenlang im richtigen Abstand mit der richtigen (verdammt nicht nachvollziehbar niedrigen) Temperatur grillen?

Vermutlich hat jeder seine eigene Methode, mit seinem eigenen Grill und natürlich ist das der beste Grill und die beste Methode.

Deshalb starten wir auf diesem Blog zum ersten Mal eine Rally!

Mailt uns eure heissesten Tipps und glühendsten Argumente, weshalb ausgerechnet euer Grill der perfekte Grill sein soll als Link oder Trackback im Kommentar.

Wer einen Banner braucht, soll ihn sich selber basteln, ich hab keine Ahnung, wie so was geht.

Nichtblogger, die unbedingt eine Foto ihres Grills oder das Arschgeweih ihres Girls zeigen wollen, können mir das Bildmaterial auch auf claudio[at]anonymekoeche.net mailen. Ich weiss aber noch nicht, ob ich auch wirklich alles veröffentliche.

So then – the heat is on – gebt Gas!


Depp mit Kuechenmesser verletzt

Verband

«Cut! Nochmal, ohne diesen Depp, bitte», hätte ich am liebsten ausgerufen.

Stattdessen schoss mir Blut in den Kopf und nach (einundzwanzig, zweiundzwanzig) ein paar Sekunden aus den Fingern. Ich blickte nur stumm und ungläubig.

Wie es passiert ist, darf ich niemandem erzählen. Jeder würde mich für einen kompletten Idioten halten. Zu recht.

Nicht etwa, als ich vorhin eine kleine Schalotte zielsicher in allerfeinste Würfelchen geschnitten habe – geschnitten, nicht gehackt! (Oh, wäre das nicht ein cooler neuer Spruch für Mister Bond? Jetzt, wo es ihm scheissegal ist, ob der Vodka Martini geschüttelt oder gerührt ist. Muss morgen grad mal den Marc Foster anrufen.)

Nein, ich wollte meinem fünfjährigen Sohn eine neue Nocke in den kaputten Saugnapfpfeil (was für ein Wort) schneiden.

Das ist der Schlitz am Pfeilende, der auf die Bogensehne gesetzt wird. Linke Hand: Pfeil. Rechte Hand: Messer. Aufgestützt: nirgends.

Wir reden hier von einem billigen (und darüber hinaus sehr eigensinnigen) Plastikpfeil mit einem Durchmesser von knapp vier Millimetern.

Und wir reden hier von einem WMF-Chefmesser mit einer Klingenlänge von über zwanzig Zentimetern.

Das Messer ist scharf. Ich habe es gewissenhaft über den Stahl gezogen, bevor ich die Schalotte geschnitten habe. Und ich habe beim Schneiden keine einzige Träne vergossen (was einiges über die Schärfe des Messers aussagt, und auch über meine Schneidetechnik, aber ich glaube, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um mich damit zu brüsten).

Wie auch immer: Es tut mir auch weh, wenn ich das jetzt lese. Nicht nur das Lesen.

Für CSI-Fans und Schadenfreudige: Nachdem mir auf Druck mit der Klinge der Pfeil wie durch Hexerei abschmierte, säbelte das Messer mittig auf die Daumenkuppe. Selbst der Fingernagel konnte den rasanten Fall nicht stoppen und teilte sich willig zu einer perfekten Nocke. Dazu kam, aber das bemerkte ich erst viel später, ein klaffender Schnitt auf dem Mittelglied meines Zeigefingers.

Keine Frage, es gibt interessantere Samstagabendbeschäftigungen als so was. Aber nachdem ich erst viele, viele Wundgazen später die Blutung einigermassen eindämmen konnte (poch, poch, poch) musste ich mich fragen, wie interessant ist ein Besuch in der Notaufnahme am Samstagabend?

Ich wollte das nicht auch noch herausfinden.

Man kann nicht Bill Buford‘s Hitze mögen und dann den Warmduscher raushängen.

Immerhin kann ich noch mit acht Fingern diesen Post hier schreiben. So schlimm wird es also nicht sein. Ich sehs ja dann morgen früh.

Warum nur gibt es im Leben keine Rewind-Taste?

Chefmesser

Es gibt hier nichts zu sehen, klicken Sie bitte weiter.


Und nach dem Schwimmen: Sushi

Sushi

Sushi immer als grosse Portion bestellen. Normale Portionen sind für europäischen Appetit ein Witz.

Es dürfte langsam ein halbes Jahr sein, seit ich mit Boris jeweils freitags über Mittag schwimmen gehe. Zur Belohnung gabs deshalb eine grosse Portion Sushi.

Damit wir uns verstehen, nicht als Belohnung für den zurückgelegten Kilometer. Sondern dafür, dass wir es mit diesen militanten Schwimmern aushalten!

Schon aufgefallen? Schwimmer sind etwa so kleinkariert wie ambitionierte Minigolfspieler. Aber 100 mal aggressiver. Wenn in jedem Schweizer ein Polizist steckt, dann stecken in einem Schwimmer zwei plus ein hirnamputierter Grenadier.

Vielleicht kriegt ein Schwimmerhirn zu wenig Sauerstoff vom falschen Atmen?

Und den ganzen Hilfskram den die immer mitschleppen und provokativ am Beckenrand aufmunitionieren – eine Kampfausrüstung.

Die geben einem jedes Mal jeden nur erdenklichen Grund das Handtuch zu schmeissen. Sie sind wahre Meister der nonverbalen Kommunikation und ihre Hauptbotschaft lautet: weg da!

Zehennagel in den Schenkel rammen beim Vorbeischwimmen: normal. Von der Bahn drängen: normal. Extra anspritzen bei der Wende: normal. Den Spind vor der Nase wegschnappen: normal. Sich beim Umkleiden vor einem aufbauen wie ein Silberrücken: normal.

Das ist aber überhaupt nicht normal! Das wäre wie wenn ich willkürlich fremde Jogger anrempeln würde, weil sie das falsche Tempo haben, die falsche Lauftechnik, die falschen Hosen anhaben oder was auch immer.

Aber auch verbal sind sie sehr kreativ. Dabei geben sie wildfremden Menschen Verhaltensanweisungen, wie sie nicht mal der frustrierteste Schulhausabwart zu Jugendlichen raunzt. Apropos Abwart, Bademeister? Geht gar nicht, oder? Aus demselben Holz geschnitzt.

Sogar meine Frau kann das bestätigen. Während der exklusiven Schwimmzeit für Frauen hat ihr eine gesagt, Frauenschwimmen sei nur für Hausfrauen. Wer sportlich schwimmt, muss am Dienstag gehen (wobei das Hallenbad am Dienstag geschlossen ist!). Der Bademeister meinte dazu, kommen sie doch etwas später.

«Die Nasszone ist im Fall da draussen!», «Kästchen Nummer 82 ist mir – und zwar schon seit zwanzig Jahren!», «Haben Sie zuhause keine Dusche!?» «Barfusszone!», «Kraulen ist auf Bahn zwei verboten!».

Und wenns keine Militanten hat, dann hats Dilettanten. Schwer parfümierte Frauen zum Beispiel, die auf der Wasseroberfläche einen Film hinterlassen, als wäre soeben ein Moschus-Ochse ins Becken gestürzt. Das ungewaschene männliche Pendent dazu ist natürlich ein ebenso unappetitlicher Ochse.

Ganz zu schweigen von der Rentner-Rotte, die gemütlich nebeneinander in der für Längen schwimmen reservierten Bahn vor sich hin dümpelt. Scheinbar ahnungslos.

Aber damit muss man anscheinend leben. Schwimmen heisst überleben. Nicht schwimmen heisst untergehen. Gegen den Strom schwimmen braucht Kraft.

Sehr viel Kraft sogar.

Und die muss eben mit einer grossen Portion Sushi kompensiert werden.


Ein Hoch auf die Maillard-Reaktion!

Kalbsfilet Medaillons

Diesem Gericht sieht man an: Da ist jemand schwer verliebt in Röstaromen.

Da wären einmal drei gnadenlos scharf angebratene Kalbsfiletmedaillons, eine Sauce aus weisser Balsamicoreduktion, Demiglace und Rahm, dazu in Butter geröstete Spätzli und weisser, karamellisierter Spargel aus dem Ofen.

Ich gebs zu, ich bin ein Maillard-Reaktionär. Ich bin verrückt nach intensiven Röstaromen, Karamellisiertem und scharf Angebratenem. Und Schuld daran hat allein die Maillard-Reaktion.

In der Bäckerei bin ich der Schnösel, der insistiert, nicht dieses, bitte das andere Brot mit der dunkleren Kruste! Gratins und sogar Torten befreie ich nicht aus dem Ofen, bis sie eine anständige Portion Acrylamid gebildet haben.

Das macht übrigens auch eine gute Rösti zu einer guten Rösti.

Ich liebe geröstetes Gemüse, auch wenn es anschliessend in einer Sauce schwimmt und natürlich taff getoasteten Arabica als Espresso.

Aber was mich richtig wütend macht, ist, wenn man Fleisch nicht heiss und lange genug anbrät. Aha, den konspirativen Zischlauten entnehme ich, dass hier Kenner am mitlesen sind. Gut so.

Nur ein Gruselbeispiel: Hackfleisch oder Ragout, das grad mal so weit erwärmt wird, bis es Wasser zieht und dann gemütlich vor sich hindampft. Ein klassischer Fauxpas, nicht?

Und dann – hopp – mit Flüssigkeit wie Tomaten, Bouillon oder Rahm bedecken und sich darüber wundern, dass Fleisch und Sauce diesen eigenartig metallischen Geschmack haben, als würde man sich eine blutende Wunde lecken.

Was ich bis jetzt jedoch noch nie probiert hatte, ist weissem Spargel auf die Maillard-Sprünge zu helfen. Dank Martin und Mike hab ich es versucht und es ist – logisch – der Hammer!

Auf zwei Lagen Alufolie kommen zwei Prisen Zucker und Salz, dann der Spargel, Olivenöl, Butterflocken und nochmals zwei Prisen Zucker und Salz.

Spargel

Nach 30 Minuten im 220 Grad heissen Rohr sieht das dann so aus. Duft und Geschmack aus dem eigenen Saft sind umwerfend. Wer mag, kann etwas Schnittlauch darüber geben.

Spargel 2

Zum Fleisch: Die Kalbsfiletmedaillons sprangen mir mit einem aggressiven 50%-Sticker ins Auge. Coop, Bio, gesehn, gekauft. Auffällig dunkel-, nicht hellrosa, was nach Vincent Klink eh besser ist.

Mit wenig Mehl bestäuben und in einer sehr heissen, unbeschichteten Stahlpfanne mit Butter und Öl 1 Minute pro Seite anbraten. Salzen, pfeffern und Fleisch im 80 Grad warmen Ofen ruhen lassen.

Fett aus der Pfanne wischen. Bratensatz mit einer halben Tasse weissem Balsamico-Essig lösen und fast ganz verdampfen lassen. Dann – sofern man hat – 6 Würfel gefrorene Demiglace auflösen und auf bonbonartige Konsistenz reduzieren. Einen Viertelliter Rahm dazu und mit Salz und Pfeffer justieren. Aufmixen.

Eine Röstung mag ich übrigens nicht: Sich die Pfoten beim Kochen verbrennen.


Kulinarischer Knockout

Kulinarischer Knockout

Achtung, die Euro Null Acht schlägt um sich.

Überall machen sich Fanzonen breit, auch unser Boxkeller muss sich geschlagen geben. Für die Zeit der Fussball-Europameisterschaft muss das Gym anderswo aufgebaut werden.

Das ist aber nicht weiter schlimm. Schon andere Sommer fand das Training aus unterschiedlichen Gründen an einer anderen Location statt.

Das ist erstaunlicherweise immer zusätzliche Motivation. Liegt vielleicht an der Kombination Sommer-Körperkult-Gefühl und Aus-dem-Alltagstrott-ausbrechen.

Gestern haben wir den Boxring aufgebaut. In 100 Metern Distanz zum Stadion, wo das EM-Eröffnungsspiel stattfinden wird. Schade, sind die Engländer nicht dabei.

Blechwagen

Das martialische Material wird angeschleppt

Erich

Boxt nicht wie Walujew, aber packt genauso hart an

Schweissen

Im Schweisse seines Angesichts: Reparatur des Ring-Gerüst

Blaue Ecke

Die blaue Ecke ist am Boden

Ringgeruest

Fundament jedes Boxkampfes – das Ring-Gerüst

Ringboden

Bodendämmung für eine geschmeidige Beinarbeit

Ringseile

Hängt das, nicht im Seil

Sandsack

Ein Sack, der Schläge einkassieren wird, ist schon da

Einen ersten Schlag in die Magengrube gabs danach in einem der Restaurants in unmittelbarer Nähe. Das kulinarische Angebot rund ums Stadion, der Eishalle und des Gartenfreibads ist ohnehin schon über der Schmerzgrenze. Und das wird sich während der EM wohl kaum verbessern.

Drei von sechs Helfern schätzten die Situation richtig ein und warfen das Handtuch, als sie die plastifizierte, bunt schreiende Menükarte in die Hand bekamen: Sie verzichteten auf die Bestellung von fester Nahrung.

Die Anderen waren zu müde und zu hungrig für einen Rückzieher und machten sich bereit, was in die Fresse zu bekommen:

Chicken Nuggets mit Potatoes Wedges (mitsamt Schreibfehler) im praktischen Abtropfsieb

Chicken Nuggets

Einen Wurstsalat, der mit der Bezeichnung Salatgewurstel besser bedient wäre

Salatgewurstel

Und ein Tessinerplättli (ich dachte, das wäre noch das Harmloseste, weil das weder aufgetaut noch frittiert ist)

Tessinerplaettli

Aber alleine vom Anblick des Tellers bekam ich schon ein blaues Auge!

Ich weiss schon jetzt, im Sommer heisst es nicht nur während des Trainings durchbeissen sondern auch danach – und zwar am besten nichts. Mahlzeit!

Erfolg


Experiment Jurassic Quark

Raptor

Letzthin bemerkte Martin, dass wir alt werden, weil wir am 1. Mai statt Steine zu schmeissen, Rhabarber-Kuchen backen. Und obendrein bin ich auch noch an einem Blog-Event zum Thema Cake (sic!) eingeladen.

Cake Blog Event

Ich habe im Leben noch keinen Cake gemacht. Es gehört auch nicht zu meiner Vorstellung, was man als Mann im Leben unbedingt gemacht haben muss.

Schön, dass ich es trotzdem getan habe. So habe ich nicht nur etwas Süsses, um der Gastgeberin zum Jubiläum zu gratulieren. Ich darf mich auch bedanken. Der Blog-Event ist so etwas wie ein Geschenk. Und damit entdecke ich gerade eine neue Welt. Merci, Zorra!

Das lenkt mich zudem von anderen Neu-Entdeckungen ab. Zum Beispiel frisch gebackene graue Haare in meinem Spiegelbild. Andererseits, die hat George Clooney ja auch – what else?

Übrigens wundert sich ja der gesamte deutschsprachige Raum, weshalb Kuchen in der Schweiz Cake (engl. Kuchen!) heisst. Ja, sogar eine eigene Kuchengattung ist und niemals nicht mit Kuchen oder Torte verwechselt werden darf. Ich finde das auch etwas seltsam. Dafür sagen die Schweizer nicht immer zu allem lecker.

Ich habe nach kurzer Recherche begriffen, dass Cake aus einem Rührteig gemacht wird, der dann in eine rechteckige oder beliebige Backform kommt. Also so ähnlich wie eine Amalgamfüllung mischen und dann in eine Form (Zahn) giessen. Ziemlich easy, eigentlich. Und das Tolle ist, man kann diesem Rührteig so ziemlich alles beimengen, was einem so einfällt (was ich allerdings bei der ohnehin schon heiklen Amalgamfüllung nicht empfehlen würde).

Im Buchhandel liegen auch auffallend viele hippe Themen-Kochbücher mit pikanten Rührteig-Varianten (Muffins und Co.) auf. Ich wäre versucht gewesen, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen und einen Blutwurst-, Tartufo d‘Alba- oder Foie Gras-Cake zu machen.

Stattdessen hat mich eine lustige Dinoform angelacht. Und weil meine beiden süssen Jungs beim Backexperiment mitmachen durften, habe ich sie auch gekauft.

Silikonformen zum Backen finde ich persönlich ja etwas vulgär. Etwa so wie Frauen, die dieses Material gerne als Implantat vor sich hertragen.

Es ist übrigens erstaunlich, welche Frage beim Kombinieren dieser beiden Gedanken aufkommt: Gibt es eigentlich auch Busen-Backformen? Die Antwort ist, leider, ja, XL(!).

Aber hier handelt es sich ja quasi um ein wissenschaftliches Experiment. Und dafür ist state-of-the-art Equipment wiederum total sexy.

Als Basis diente ein Rührteig aus 125 g Butter, 125 g Zucker, 1/2 Prise Salz, 2 Eiern, 125 g Mehl und 1/2 Teelöffel Backpulver.

Kein Zitronensaft und kein Vanillezucker. Denn zum Pflichtteil kam jetzt sozusagen die Kür in Form von sechs verschiedenen Zusatzkomponenten.

Cake Zusatz

  1. Gehackte, geschälte Mandeln/Vanillemark/Quark
  2. Abrieb und Saft einer halben Zitrone/Mehl/Vanillemark/Quark
  3. Pistazien/Quark
  4. Karotten/gehackte Haselnüsse/Zitronenabrieb
  5. Suchard Express-Pulver/Chocolat Crémant/Quark
  6. Passionsfrucht/Banane/Mandeln/Quark

Der Quark kam jeweils in ausgleichender Menge mit dem Basis-Rührteig dazu.

Cakezusatz und Ruehrteig

Dann die Form damit füllen und ab ins 160 Grad heisse Rohr.

Dino Silikonform

30 Minuten später hatten wir unseren kleinen, süssen Jurassic Park beieinander.

Dinos 1_6

Und das ist der Sieger des anschliessenden Testessen-Votings: Der Mandeldino

Siegerdino

Das weitere Ranking sieht so aus:

Platz 2: Pistaziendino (wird geklont und hat eine Zukunft in unserer Nahrungspyradmide)
Platz 3: Passionsfrucht-Bananendino (wird geklont und hat eine Zukunft als Exote)
Platz 4: Zitronendino (ist vom Aussterben bedroht)
Platz 5: Karottendino (hat keine Zukunft, weil eine Rüeblitorte eh besser ist)
Platz 6: Schokodino (ist in der evoluzionären Sackgasse gelandet und wird aussterben)


The Simple Life

Mangoldf

Dass den millionenschweren It-Girls aus oben genannter Soap nicht unbedingt alles schmeckt, was nach einfachem Leben riecht, dürfte inzwischen jedem Land-Ei aufgefallen sein.

Umgekehrt braucht es auch nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie es wäre, wenn man jeden Tag nur teures und exklusives Essen vorgesetzt bekäme. Vermutlich würden die meisten schon nach einer Woche brüllen: «Hilfe, ich bin KEIN Star – holt mich hier raus!»

Es ist immer wieder beruhigend (und für einmal wohl eher keine Marketingmasche) von Starköchen zu lesen, was ihr Lieblingsgericht ist, oder was sie sich als Henkersmahlzeit wünschten: etwas Brot und Käse oder Wurst, Butter, wenns nicht zuviel verlangt ist, ein Kalbsbäckchen, ein getrüffeltes Omelett oder auch ein einfaches Pastagericht.

Ist das nicht rührend bescheiden?

Obwohl, hat nicht François de La Rochefoucauld einmal bemerkt: «Bescheidenheit ist die schlimmste Form der Eitelkeit»? Na ja, auch dies dürfte inzwischen jedem aufgefallen sein, der schon mal einen Starkoch reden gehört hat.

Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass mir einmal ein Henker meine letzte Bestellung abnimmt und diese dann auch so zubereitet wird, wie ich das erwarte(!), lege ich schon mal folgendes Gericht in meiner kulinarische Wunschliste ab: Orechiette e Bietola.

Für den sehr, sehr, sehr, sehr, sehr unwahrscheinlicheren Fall, dass hier ein Henker mit gespitzem Bleistift auf das Rezept wartet, bitte sehr:

In einer weiten Schwenkpfanne Olivenöl extra vergine erhitzen und langsam mit Knoblauch parfümieren (halber Knoblauch mit der Schnittfläche nach unten, danach entfernen). Die Zugabe von Peperoncino ist eigentlich zwingend, darf allerdings aus Rücksicht auf unscharfe Mitesser ausgelassen werden. Direkt über den eigenen Teller gestreut ist auch reizvoll.

Halber Knoblauch

Eine Mangoldstaude entblättern, waschen. Stiele dranlassen, aber etwas stutzen. Nur braune Teile, falls vorhanden, wegschneiden. Blätter mit Stiel mehrmals falten und mit einem grossen Gemüsemesser in kleine Streifen schneiden.

Das Gemüse in die Pfanne zischen und sofort den Deckel drauf. Nach ein paar Minuten fällt es zusammen: Salzen, Pfeffern und zwei, drei Löffel passierte oder gewürfelte frische Tomaten dazugeben. Gut vermischen und nochmals mit Deckel so lange weiterköcheln, bis die Orechiette al dente gekocht sind.

Mangold mit Tomate

Eine Handvoll geriebener Pecorino (je nach Gusto von frisch-mild bis gereift-pikant) und die abgegossenen Orechiette zum Mangold geben und etwa eine Minute bei kleinster Hitze sanft vermengen (die Italiener sagen «amalgamare» dazu).

Zum Henker mit Schickimicki-Essen!

Orechiette e Bietola


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