Die Totmacherwurst

Klar, jede gute Wurst hats in sich. Aber die eine aus Ferrara, die ist der Ferrari für die wahren Fresssäcke.
Cicitto hatte mich gewarnt: «Du gehst nach Ferrara? Mach das, wunderschöne Stadt. Ich sag dir, was du dort essen musst: Salama da Sugo. Aber hey! nur ein kleines Stückchen davon, klar? Und keinesfalls als Gang in einem üppigen Menu, die bringt dich sonst um!»
Eigentlich wollte ich sie in der Antica Trattoria Volano essen. Das hatte ich im Osterie d‘Italia von Slow Food aufgelesen.
Aber wie der Magen zu knurren anfing, als das hübsche Ristorante Guido in der Fussgängerzone auftauchte, sagte ich mir, sorry, Slow Food, ich will jetzt essen – und zwar quick and dirty.
Dann, am Tisch, sprach ich eine Warnung aus. Zuerst ganz sanft. Ich machte meiner Frau ein unmoralisches Angebot: «Aha, schau mal, die haben tatsächlich diese grässliche, schwer verdauliche und triefend fettige Salama auf der Karte. Möchtest du lieber eine Pasta oder einen Fisch als Hauptgang?»
«Spinnst du? Nein, ich nehm auch die Salama.» «Ich bitte dich, die ist zu deftig. Du machst kein Auge zu heut Nacht!» «Na und? Du willst sie ja auch unbedingt probieren.» «Eben: Probieren. Davon bestellt man nicht zwei Portionen, das ist Irrsinn! Wir machen fifty-fifty und tauschen dann Teller, so entdecken wir zwei neue Gerichte, was meinst du?» «Nein.» «Also ich warn dich, Cicitto hat ganz klar gesagt …» «Bestell doch du den Fisch! Ich nehm die Salama, aus!»
Jeder kennt das. Je mehr Mann einer Frau etwas ausschlagen möchte, desto schwerer lässt sie sich davon abbringen. Ich hätte ihr besser gesagt, aus was die Salama, oder wie die Einheimischen in schamlos verniedlichender Untertreibung sagen, Salamina, steckt (aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht):
Schweinszunge, Schweineleber, Schweinenacken, Speck und Schweinskopf zum Beispiel. Dazu eine schwere (geheime) Gewürzmischung mit Nelken, Zimt und Muskat. Ein kräftiger Schuss Rotwein dazu und dann hopp, alles schön in eine Schweinsblase gesteckt.
Danach mottet man das Teil für mindestens ein Jahr im dunklen Keller ein und lässt es dort verschimmeln.
Vor der Zubereitung muss man die Salama in lauwarmes Wasser einlegen und die Schimmelschicht mit einer weichen Bürste entfernen.
Dann packt man sie in einen Leinensack und bindet sie an einen Holzlöffel. Diesen legt man quer über den Kochtopfrand, so dass die Salama vollständig im Wasser baumelt aber den Boden keinesfalls (fundamental!) berührt.
Den Kochvorgang startet man mit kaltem Wasser, das man knapp unter den Siedepunkt bringt und für ganze fünf Stunden dort behält. Die Schweinsblase darf auf keinen Fall platzen, weil dann das ganze Fett, also der Sugo, (oh ja, davon gibts eine Menge!) austreten würde.
Serviert wird sie traditionellerweise eingebettet in Kartoffelbrei, wo sie in einem kleinen See ihres eigenen tranigen Fettes schwimmt.
Für die Foodautoren des Guardian gehört sie gar zu den 20 Dingen, die man gegessen haben muss, bevor man das Zeitliche segnet.
Ich möchte dazu zwei Dinge anmerken:
1. Für meine Frau ist die Sache auf Nimmerwiedersehen abgehakt. (Aber sie hat es durchgezogen bis zum letzten, intensiv-salzig-lebkuchigen Bissen. So viel Stolz musste sein. Respekt.)
2. Ich bin froh, dass ich diese einzigartige Ferrareser Spezialität entdeckt und probiert habe. Aber sollte ich demnächst abkratzen, wäre es mehr als unfair – das wäre es nicht Wert gewesen.
Als Antipasto liessen wir uns übrigens einen Salat von hauchdünn geschnittenen Champignons, gehobeltem Grana und bissig scharfer Rucola (eine Entdeckung!) servieren.
Dazu ausgezeichnet gereifte, ebenfalls hauchdünn geschnittene und für die Region Emilia bekannten Wurstwaren wie Prosciutto, Culatello, Coppa, Mortadella und Salami.
In dieser skurrilen Fellini-Gegend darf man auch getrost zu einer Flasche Lambrusco greifen. Das ist der Rotwein, der schäumt, als hätte man ein Alca Seltzer ins Glas geworfen.
Sieht harmlos aus, ich weiss. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!


Den Wirt ohne Rechnung machen

Mittags in ein einfaches Restaurant kommen. Zuhören, was auf dem Herd steht. Ein paar solide Gerichte essen. Und zufrieden einen vernünftigen Betrag dafür auf den Tisch legen. Ich mag das, ich mag das, ich mag das.
In Italien geht das anscheinend an jeder Ecke. Dafür braucht es keine «Mittagskarte (nur 12 bis 14 Uhr!)», kein «Menü I oder II mit Suppe oder Salat», keinen «Fitness- oder Vegiteller», keinen «Businesslunch», keine «frische Marktküche» und keine «Mediterrane Spezialitätenwoche» oder sonstige Fertigmischungen.
So etwas genussentwicklungshemmendes wie einen «Kinderteller» gibt es selbstverständlich auch nicht. Entweder ist das Kind gross genug, um zu essen, was alle essen, oder es bekommt einen kleinen Extrateller und darf von allem probieren – ohne Murren seitens Personal oder Kind.
Sobald man am Tisch sitzt, fängt man an, Grissini-Päckchen aufzureissen und ungeduldig bis vorfreudig daran rumzuknabbern bis ein Kellner auftaucht.
In einem einfachen Restaurant handelt es sich dabei zuweilen um eine etwas unterbelichtete Ausgabe der Spezies. Vielleicht nicht besonders freundlich, aber distanziert höflich.
Immerhin besser, als aufgesetzt freundlich und aufdringlich unhöflich.
Zu Domenico müsste man eigentlich mittwochs und freitags gehen. Weil mittwochs und freitags gibts immer Fisch. Nur Fisch.
Das ist, zugegeben, nicht besonders originell, aber hier will auch niemand originell essen. Alles, bloss das nicht.
Heute ist Donnerstag. Pech. Als Antipasto kann man sich einen Teller aus einem Dutzend eingelegten oder gebackenen Gemüsen bringen lassen. Oder einen Teller mit diversen Salami und Schinken – lassen wir beides aus.
Aus den sechs, sieben meist unverständlich heruntergebeteten Vorschlägen für den Primo Piatto bestellen wir 2 Pappardelle mit Hasenragout und ein Mal Gnocchi di Patate al Pomodoro.

Auf die Frage: «Wünschen Sie etwas Wein?», antwortet man am besten mit «Ja», und schon steht ein Halbliter-Schoppen Hauswein auf dem Tisch. Und «plumps!» wechselt mein Zitronenschnitz (wie bei den meisten anderen Gästen) vom Wasser- ins Weinglas. Doch, das passt!
Als Secondo gibts Fleisch vom Grill über dem offenen Kamin – klingt vielleicht romantisch, kommt aber total alltäglich und ohne Allüren rüber.

Vorgeschlagen werden Salsiccie, Bistecca alla Fiorentina oder vom Angus Beef, Tagliata di Manzo Toscano oder Angus und Kalbskoteletten. Wir bestellen 3 Mal Tagliata di Angus. Dazu gibts zwei Salate und ein Mal Broccoletti.


Da der Kleine nur den Extraprobierteller hatte, wird er jetzt von der Kellnerin entführt und über die Gelati-Truhe gehievt, wo er sich ein Cono Classico rausfischt.

Und jetzt kommt der mathematische Teil: Was kostet das alles, inklusive zwei Flaschen Wasser und drei – unheimlich guten – Caffè?
Nicht nur der Betrag machte mich leer schlucken, auch die Präsentation der, ehm, na ja, Rechnung kann man dem ja nicht sagen.
Wie der Wirt damit rauskommt ist mir ein Rätsel, aber es geschieht vermutlich an jeder Ecke in Italien. Dort macht man die Rechnung nämlich lieber ohne den Staat.

Und jetzt alle: Mmh, Baerlauch!

So, jetzt ist aber wirklich fünf vor zwölf, um den schönen, noch milden Bärlauch zu ernten und zu konservieren!
Später, wenn die Blätter grösser sind, wird der Bärlauch nicht nur bitter, es wird auch umständlicher ihn gründlich zu waschen.
Ausserdem steigt die Gefahr, ungewollt (weil man sie so jung schlecht erkennt) giftige Nachbarpflänzchen mitzupflücken.
Hui, da rauscht es dann aber zünftig die Niagarafälle runter! Ist mir leider auch schon passiert. Danach wollte ich ein paar Jahre nix mehr von Bärlauch wissen. Tempi passati, zum Glück.
Glücklich, wer eine Bärlauchbutter in seinem Tiefkühlfach sein eigen nennt. Denn sie macht sich als Kräuterbutter auf einem Entrecôte ebensogut wie zum langsam bei 180 Grad knusprig gebratenem, nur mit Olivenöl und Salz eingeriebenen Osterzicklein. Delicata, raffinata: «Bääh! Bääh!» non come le altre: «Bööh!»
Aber auch Suppen, Rahmsaucen oder geröstete Baguettesscheiben mit Bärlauchbutter wissen zu verführen wie eben nur der Frühling.
Die Blätter waschen, trocknen und klein schneiden. Mit etwas extra vergine Olivenöl im Cutter zerkleinern. Dann mit einem Löffel, also von Hand, mit 250 Gramm weicher Butter vermengen, salzen, pfeffern und den Saft einer halben, giftgrünen Limette zufügen.

Eine schöne Rolle daraus formen und ab in den Tiefkühler.

Auf gar keinen Fall, nie und nimmer und unter keinen Umständen nicht würde ich Knoblauch dazugeben. Das wäre, mit Verlaub, liebe Ilka, wie wenn du dem Frühling in einer eleganten Seidenbluse deine Aufwartung machen würdest und dann doch eine Faserpelzjacke darüber anziehen würdest: jamais!
Für einen delikaten Bärlauchpesto hingegen, kommen zu den geschnittenen Blättern im Cutter eine Handvoll Pinienkerne, ebensoviel Parmesan, Salz, Pfeffer und reichlich Olivenöl extra vergine.

Abgefüllt in Tiefkühlbeutel haltet sich das Pesto ein, zwei Wochen im Kühlschrank. Einfrieren geht natürlich auch. Verschenken sowieso, dann bitte in hübschen Gläschen.
Matthias hat mir wieder in Erinnerung gerufen, wie simpel Trofie al Pesto nach ligurischer Art sind.
Dazu Bohnen und Kartoffeln in Salzwasser weich garen, mit den bissfesten Trofie (oder wie in meinem Fall handgedrehte apulische Fusilli) und dem Pesto mischen, Olivenöl darüber träufeln und nach belieben Parmesan dazu geben.
Mit Bärlauchpesto funktioniert dieses Gericht natürlich genausogut.

Power rangers ja, Tempura nein.

Tempura. Eigentlich kinderleicht, aber nicht eigentlich ein Kinderteller.
Endlich hab ich einmal ein Tempura zubereitet. War etwas chaotisch und nicht ganz nach Originalrezept. Geschmacklich aber solide Mittelklasse.
Etwas stressig, weil man laufend wie fünf Power Rangers gleichzeitig frittieren muss, während die anderen genüsslich alles verputzen können – theoretisch.

Denn meine beiden Jungs haben nach den ersten Anstandsprobierhäppchen (sonst gibt es Power Rangers-Entzug!) die Ess-Stäbchen geworfen.
Ich durfte dann die mittlerweile latschig gewordenen Shrimps, Hühnerstücke und das vormals knackige Gemüse aufessen. Alleine, denn meine Frau hatte sich an meinen übertriebenen Mengen auch schon überessen.
Also ich glaube, so schnell werde ich diesen Aufwand nicht mehr betreiben. Obwohl.
Es war so, dass ich auf einmal einen unbändigen Appetit darauf hatte. Und dann gibt es kein halten mehr. Kennen Sie das? Nicht mal mehr Zeit, sich in ein paar Rezepte einzulesen und eine Einkaufsliste zu machen. Nein, einfach Samstagnachmittag loshetzen, kreuz und quer einkaufen und dann gierig drauflos kochen.
Junge Eltern sind ja total fasziniert, wenn ihr Nachwuchs beginnt, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Was für eine Entdeckungsreise für beide Seiten! Endlich Schluss mit Brei kochen, pürieren, quetschen und zerstampfen als müsste man ein Altersheim durchfüttern.
Als ich meinem Sohn zum ersten Mal im Leben mezze penne rigate al pomodoro in sein Tellerchen schöpfte, leuchteten seine Augen. Und nach jedem Happen reckte er sein Kinn in die Höhe und intonierte ein lang gezogenes «Mmmh!» bevor er schluckte.
Schade eigentlich, dass wir als Erwachsene unsere Freude so zügeln. Ich möchte auch wieder einmal wild mit den Beinchen strampeln und mein Getränk auf den Boden werfen, wenn etwas Gutes auf den Tisch kommt.
Zwischen Eins und Vier haben Kinder eine beeindruckend offene Haltung gegenüber Essbarem. Um die Umwelt in gut und böse einzuteilen wird erst mal alles über den Gaumen erfasst und neugierig probiert.
Anfangs funktioniert das so: einspeicheln, schmecken und dann entweder ausspucken, weiterlecken oder schlucken. Je nachdem, ob es sich beim Gegenstand um Turnschuhe, Papas Handy, die eigene Faust oder etwas Essbares handelt.
Umgekehrt geht übrigens auch: Mein Sohn rieb sich einmal minutenlang und hoch konzentriert die nackten Fusssohlen mit der Schnittfläche einer Salami ein, während wir angeregt bei Tisch sassen und mit unserem Besuch plauderten.
Nach dieser Baby-Phase scheinen sie dann keine Tabus mehr zu kennen und geben sich jovial als vermeintliche Spitzengourmets. So mit drei Jahren vertilgte mein Sohn genüsslich Trüffelkäse, -salami oder -oliven, Sushi, Pulpo und andere Delikatessen. Er verlangte sogar ungeniert raue Mengen davon. Ich dachte, ich müsse einen Kleinkredit aufnehmen, um ihn durchzufüttern.
Wir assen damals oft in einem japanischen Restaurant. Das Personal liebte den Knirps, dem alles zu schmecken schien. So sehr, dass der Chef de Service, eine Japanerin, unserem Sohn einen selbstgetöpferten Teller schenkte

Aber eben, so ab vier Jahren ist schluss. Da werden sie extrem picky und mäkeln an Essen rum, das zwei Wochen zuvor noch zu ihren absoluten Leibspeisen zählte.
Der jüngere der Beiden fängt jetzt sogar schon an meinen Sugo zu verschmähen! Frechheit, kann ich dazu nur sagen. Das hat bis jetzt noch niemand gewagt.
Aber ich weiss, früher oder später dreht sich der Spiess wieder. Und dann werden sie sich die Finger nach meinem Food lecken. Und mich anbetteln, so wie ich meine Mutter angebettelt habe, damit sie mir mein Lieblingsgericht auftischte, das ich als kleiner Junge ignoriert hatte.
Falls das dann wider erwarten Tempura sein sollte, würde ich es wieder mehr oder weniger so zubereiten.
sunday times

Was für ein Sonntagsessen: Fleischvögel mit Kartoffelstock!
Gibt es das überhaupt noch? Das Sonntagsessen? Ein Festessen, das man sich als Familie die ganze Woche vom Mund absparen musste, damit am Sonntag ein gutes Stück Fleisch auf den Tisch kam: Der Sonntagsbraten.
Bei manchen Familien hiess das auch: Papa kocht. Nicht Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag. Nur Sonntag. Bei anderen Familien liess sich die Hausfrau zur Kitchenqueen krönen und das ganze Zeremoniell dauerte mehrere Stunden.
Klar, es gab natürlich auch die kommunenhaften 68er-Haushalte in denen Eltern und Kinder zusammenlebten. Letztere konnten froh sein, wenn nach 14 Uhr mal irgendjemand in die Küche schlurfte und kettenrauchend alles auf den Tisch legte, was irgendwie noch essbar aussah: «Brunch! Wer hat hunger?»
Später hiess Sonntagsessen vielleicht auch auswärts essen. Das schonte zwar Papas und Mamas Nerven, aber leider nicht das Portmonnaie, aber egal – das Wir-können-uns-das-leisten-Zeitalter wurde auch kulinarisch ausgekostet.
Als man schliesslich aus der Familie herauswuchs, wuchs auch langsam Gras über das Sonntagsessen.
Und heute? Heute zählt das Hier und Jetzt, sagt man. An morgen denken, kann man morgen noch. Es ist ja alles verfügbar und es stehen einem alle Möglichkeiten offen, man ist ja blöd wenn man das nicht nutzt.
Deshalb scheint es auch keine Rolle zu spielen, was wann auf den Tisch kommt. Jeder isst das, worauf er gerade scharf ist – Essen ist Religion. War es zwar immer schon, aber heute wechselt man seine Religion wie früher die Fussballbildchen auf dem Pausenhof.
Mir ist alles heilig, was Authentizität hat. Und das nicht erst seit gestern.
Bei Mike bin ich auf die Rouladen vom Dexter-Bullen gestossen und ich habe ihm versprochen, dass ich ihm meine Version auftische. Here we go!

Schöne Bio-Rindsschnitzel werden bei mir leicht mit den Handballen in Form geklopft, mit Senf bestrichen, gesalzen und gepfeffert.
Darauf kommen nur – da siehst du wieder mal, wie asketisch ich bin Mike – fein gewürfelte Schalotten, Bio-Speckstreifen und nur ein einziger Karotten- und ein einziger Büürlistift (Büürli = Semmel). Fertig.
Mit Mehl bestäubt kommen die himmlischen Dinger in eine höllisch heisse Gusseisenpfanne und werden gnadenlos geröstet.

Die Fleischvögel kommen in die Wärme und die Bratbutter wird verworfen. Auf dem angehockten Bratensatz karamellisiere ich in frischer Butter Karotten- und Selleriewürfel, Schalotten und Knoblauch.
Anschliessend wird etwas Tomatenmark mitgeröstet und mit etwa 3 dl Rotwein abgelöscht. Reduziert der Wein auf Sirupkonsistenz kommt etwa 1 dl von meiner Demi-Glace hinzu.
Ich liebe eine klare Sauce zu Fleischvögeln.
Deshalb giesse ich gut 4 dl Wasser dazu und gebe die Rouladen für eine Stunde auf butterzartmachende Minimaltemperatur zum Schmoren.

10 Minuten vor dem Servieren kommt noch etwas Petersilie und wenig Thymian zur Sauce. Mit Butter, Salz und Pfeffer justieren.
Dazu ein luftig lockerer Kartoffelstock mit viel Butter, Rahm und wenig Muskat.
Ich glaube fast, dieses Sonntagsessen könnt ich jeden Tag verdrücken!
Robuchon vs. Carla Bruni

Letzten Samstag war ich in Paris.
Ich habe eine Ausstellung bei Colette. Und was kann dann besseres passieren, als Claudios sofortige Reaktion:
«Geh zu Joel Robuchon, lö Superstar-Koch, der seine Sterne an Michelin zurückgab, weil er fand, die Welt sollte preiswerter von seinen Tellerchen essen können. Aber billig ist das trotzdem nicht, damit dus weisst.»
Mit biegen, brechen und bluffen («Salut, c‘est Claudio! Ecoute: Comeniüs vient à Paris, il me faut absolument une table pour lui!») hat es Claudio geschafft, vom Freitag auf den Samstag einen Tisch für zwei zu organisieren.
Unser Taxifahrer hat uns ebenfalls bestätigt, dass es einfacher sei, Carla Bruni ins Bett zu bekommen, als bei Robuchon einen Tisch zu ergattern.
Wie ein kleines Rehlein bin ich ins Robuchon gehüpft, weil ich wusste, da drinnen erwartet mich die ganz grosse französische Küche. Einmalig und exquisit. Unbezahlbar bezahlbar.
Kaum drinnen, haben uns fünf männliche Supernannys an den Tisch geführt. Und bevor ich die Karte studieren konnte, habe ich mich zu einem glas Champagner überreden lassen.
Wir hatten einen wunderbaren Tisch, danke Claudio. In der Mitte rechts an der Wand, so platziert, dass man das Restaurant visuell spielend im Griff hatte.
Keiner konnte sich unbemerkt an mir vorbeischleichen. Voyeurismus pur!
Selbst die schmatzende Foodkritikerin neben mir blieb nicht unerkannt. Mit ihrem Stift und Schreibblock hat sie nach jedem Bissen laut kauend und sinnierend an die Decke hinauf geschaut.
Ich denke mal, ich bin ein schlechter Foodkritiker. Ich hatte weder Stift noch Schreibblock, und an der Decke konnte ich auch nichts entdecken!
Wir haben uns dann für das Menu entschieden, um einen möglichst breiten Eindruck seiner Kochkunst zu bekommen:

Es ist zu aufwendig, jeden Gang auseinander zu nehmen und die verschiedenen Ebenen dieses Menus zu kritisieren. Ich kann’s nur grob umschreiben.
Daumen nach oben oder nach unten?
Es war gut. Es hat uns geschmeckt. Ein bisschen fischlastig, aber es war echt gut. Aber es war keineswegs das Aha-Erlebnis der Sonderklasse. Es war nicht mal ein normales Aha-Erlebnis. Es war einfach klassische nouvelle Cousine, mit Liebe und Verspieltheit zum Detail.

Die Ambiance war eher kalt und klassisch. Also nichts für einen anonymen Koch.
Für mich ganz klar: Das Verhältnis Essen/Geld ist dermassen verschoben, dass ich einen Daumen nach unten halten muss.
650(!) Euro sind entschieden zuviel.
Wenn man Robuchon mit einer Kleidermarke vergleichen müsste, wäre er Hugo Boss. Unspektakulär, bieder, ohne Kreativität.
Robuchons Zeit ist vorbei. Er lebt vom Mythos, den leichtgläubigen, reichen, mediengeilen oberen Zehntausend von Paris und ein paar Touristen wie mir.
Für mich ist der Fall klar: Ich will definitiv lieber mit Carla Bruni ins Bett!
Bonap!
PS: Claudio, ich bin in vier Tagen nochmals in Paris, kannst du was organisieren?
PPS: Ich wüsste nur zu gerne, wer diese Foodkritikerin war und für wen und was sie geschrieben hat … damn! Den Bericht hätte ich gerne gelesen. Aber ich bin mir sicher, dass sie «Robuchon Paris – the end of days» geschrieben hat.
London Calling

Wow! Heute brachte der UPS-Mann ein fettes Paket aus London.
Seit «Seven» wissen wir zwar, dass das auch unschön enden kann, aber ich habe Glück: Darin befindet sich ein brandneues Nokia N81.
Allerdings, wenn ich den gewichtigen Riesenkarton mit meinem leichten, ultraflachen Motorazr vergleiche – funktioniert das Teil mit einer Autobatterie oder was?
Weshalb ich überhaupt ein Nokia-Paket aus London erhalte? Also, vor einiger Zeit wurde ich auf unserem Blog von einer Werbeagentur angefragt, ob ich an einem Community-Projekt von Nokia teilnehmen möchte.
Denn das N81 schiesst nicht nur Bilder mit einer 2 Megapixel-Kamera sondern berfördert sie auf Wunsch auch direkt auf den Blog.
Also ein ideales Must-have für Foodblogger – so die Vorstellung von Agentur und Herstellerin. Meine Vorstellung war: offen sein, mitspielen.
Nebst einem kostenlosen Mobiltelefon (plus some Goodies) wird auch ein Workshop in London angeboten, an welchem das Gerät ausgewählten Foodbloggern erklärt wird.
Ansonsten ist man frei, über das Gerät zu schreiben oder auch nicht. Geld für Schreibe oder Werbebanner gibts nicht. Was mir höchst sympatisch ist!
Erstens wird es auf unserem Blog niemals Werbebanner geben und zweitens bin ich doch keine Schreibhure! Gut, das war jetzt ein Mal gelogen.
Leider passt das Datum nicht, deshalb werd ich den Workshop und den Trip in meine Lieblingsmetropole verpassen. (Ausser einer meiner beiden Co-Autoren möchte einspringen. Patrick? Comenius? am 17.3. schon was vor?)
Die Frage ist jetzt allerdings, was mach ich dann mit dem neuen Handy? Okay, erst mal alles auspacken, da hats nämlich noch mehr:

Sind echt hübsche Sachen dabei, muss ich schon sagen.
Aber auch Nonsens, wie zum Beispiel die Gabel mit einer Nokia NSeries-Prägung. Was soll ich bitte mit so einer Gabel? Mir damit die Nippel piercen und mich dabei filmen lassen, so wie dieser Idiot hier?
Das N81 selbst ist etwas klobig und schwerer als mein jetziges Mobile. Allerdings ist dort der Akku komplett am Arsch, weshalb der Zeitpunkt für einen Mobile-Wechsel ideal wäre.
Aber warum nur bin ich so ein Technik-Muffel?
Allein schon die Menüführung auf Englisch ist mir zu anstrengend. Also versuche ich ohne Bedienungsanleitung (ich hasse das Lesen von Bedienungsanleitungen!) die Sprache zu ändern: Es gibt Indonesisch oder Pilippino.
Super. Wollt ich immer schon mal lernen, aber nicht mit einem Handy. Obwohl, mittlerweile gibt es ja die beliebten Kauderwelsch-Sprachführer auch fürs Handy.
Jedenfalls warte ich jetzt mal auf die Dinge, die da kommen: a) Musse, das Ding einzurichten und damit rumzuknipsen (mässige Motivation) oder b) News aus London betreffend einem alternativen Workshop.
Auf alle Fälle jedoch schon mal ein grosses Thank you! an Chris für das Paket und dass er die Anonymen Köche für dieses Projekt angefragt hat.
Gibt es da draussen irgendwelche Foodblogger, die auch angefragt wurden und sich angemeldet haben? Let me know, please.
Darauf trinken wir!

Und es ist uns sogar schnurz, ob das Sammelobjekte sind. Das Glas wird trotzdem darauf abgestellt, denn dafür wurden Bierdeckel erfunden.
Wenn auch die Werbesprüche auf diesen hier nicht wirklich erhaltenswert sind, so sind sie doch immerhin bemerkenswert.
Vor allem der mit Biegen und Brechen gereimte und vor robustem Helvetismus strotzende: «Wir sind hier in Göschenen, haben Durst und löschenen!»

Allerdings ist Feldschlösschen nicht unbedingt unser Lieblingsbier.
Schon eher das Ueli. Und diese Brauerei lässt statt plumpem Reklameplattitüden jeweils eine limitierte, nummerierte Auflage mit einer Illustration zum jährlichen Vogel Gryff produzieren.
Zum sammeln. Wer auch immer das für nötig hält.

Plazenta happens

ICH HABS GESCHAFFT! ICH HABS GESCHAFFT!
It‘s a boy called Ben.
Ich bin zum zweiten Mal Vater geworden. Und nach zwei Monaten wieder fähig, am normalen Leben teilzunehmen und in alter AK-Manier die Sucht «Essen» zu leben (oke-oke, um ehrlich zu sein, meine Freundin hatte die größere Arbeit vor, mit, an und nach der Geburt als ich).
Anyway. So eine Schwangerschaft kann das Essverhalten schwer stören, so als hätte Uri Geller an meiner Mise en place rumgefummelt.
Während dem Spitalaufenthalt habe ich, ahnungslos, noch manisch tütenweise feinste Delikatessen vom Globus angeschleppt, in der guten Meinung wir könnten das brauchen. Was sich leider als Fehler herausstellte. Denn ich habe das zugenommen was meine Liebste nach stundenlangem Kampf verloren hatte. Gute fünf Kilo etwa.
Nach «Ben» ist die Plazenta nachgerutscht. Und ich wurde für einen einsamen Augenblick mit diesem Nebenprodukt und meinen Gedanken an eine potentielle Delikatesse konfrontiert.
Ich nahm mir etwas Zeit, um mir vorzustellen, wie sich die Plazenta beim scharf anbraten verformen würde. Welche Gewürze ihr anstehen würden. Wahrscheinlich würde ich sie eher nach italienischer Art braten. Sie war gut durchzogen, also geeignet zum grillen. Gutes Olivenöl und Himalayasalz von Mike, Knoblauch, das sollte reichen.
Doch etwas hatte ich total vergessen! Hatte meine Teuerste nicht eine Peridural-Anästhesie? Mehrere Dosen Wehenmittel? Und vor dem ungeplanten Kaiserschnitt noch weitere Anästhetika und Beruhigungsmittel?
Auf einmal war ich mir sicher: Diese Plazenta konnte nicht mehr von guter Qualität sein. Sie war verseucht! Nix bio. So a Schmarrn. Aus der Traum.
So long so good. Eine Erfahrung mehr.
PS: Ich werde demnächst viel am Reisen sein und habe Claudio schon in Auftrag gegeben, dass er mir die Restaurants aussuchen soll, in welche ich gehen muss um danach zu berichten.
Bon ap!
Polenta und Singvoegel

Es gibt so etwas wie High-Fidelity-Food. Und die italienische Küche ist voll davon.
Ähnlich wie bei der Musikwiedergabe geht es dabei um Ehrlichkeit, Genauigkeit, Redlichkeit und Wiedergabetreue.
Wie weit die Meinungen darüber auseinandergehen, kann man den Kommentaren in der Molekularküche in Bezug auf die Modifikation von Spaghetti Bolognese nach Heston Blumenthal lesen.
Aktuelles und sehr treffendes Lob kommt von Bill Buford, dem Autor vom neusten Kochbuchbestseller «Hitze»:
«Nur die italienische Küche vermag ein Gericht durch all das, was es nicht enthält, in ein Gedicht zu verwandeln. Über Jahrhunderte hinweg haben italienische Köche die Kunst des „Was-womit“ perfektioniert.»
Herbert Breslin, ehemaliger Agent von Luciano Pavarotti, soll gesagt haben: «Luciano, you‘re a nice guy. So you need a real bastard to do your publicity.»
Ich habe «Hitze» noch nicht gelesen, aber ich verspreche, dass ich das so schnell wie möglich nachhole. [Edit Januar 2010: Gesagt, getan – lesen!]
Ich bin gespannt, aber auch voreingenommen. Vielleicht tue ich Bill Buford unrecht, aber irgendwie habe ich so das Gefühl, dass er Herbert Breslin ist und Luciano Pavarotti die italienische Küche. We‘ll see.
High-Fidelity-Food (kann jemand meine neue Wortschöpfung auf Deutsch übersetzen, das sieht ja furchtbar aus) bedeutet für mich, dass die verwendeten Zutaten als das erkennbar sind, was sie sind. Rein geschmacklich gesprochen, selbstverständlich, nicht optisch.
Das setzt voraus, das man nicht einfach alles mischen kann, was irgendwie mediterran klingt. Das heisst, man kann natürlich schon, aber das ist dann wie gute Musik schlecht aufnehmen, schlecht abmischen und über eine schlechte Musikanlage hören.
Übersetzt auf das Kochen heisst das: Zutaten von bester Qualität verwenden (aufnehmen), so kombinieren, dass jede einzelne Aromakomponente klar identifizierbar bleibt (mischen) und mit einer bestimmten Technik zubereiten, die das beste Resultat liefert (abspielen).
Diese Dreifaltigkeit des Genusses hat mir schon einer der besten Tonmeister zugeflüstert. Er geht sogar soweit, dass er sagt, eine gute Aufnahme, perfekt abgemischt und gemastert, klingt auch auf einer mittelmässigen Musikanlage überduchschnittlich gut.
Ich weiss nicht, was die Leibspeise von Luciano Pavarotti war. Aber auf der Suche nach einem Bild für meine Schweinerippen bin ich auf dieses CD-Cover gestossen: «Mr. Big P.»
Das «P» steht natürlich für «Pavarotti». Honni soit qui mal y pense. Und diesen Nickname erhielt er übrigens von der Sopranistin Joan Sutherland, nicht von einem seiner zwei fest angestellten Diätärzte.
Dass er kein Kostverächter war, ist hinlängst bekannt. Und diesen Klassiker der italienischen Küche liess er sich bestimmt mehr als nur einmal aufführen: Costine di Maiale con Polenta.
Für die doch sehr feissen Bio-Schweinerippen habe ich eine Methode, die sowohl den Fettanteil minimiert als auch den Geschmack maximiert.
Klingt nach Werbung für Magnum-Eis, ist aber alles andere als ein Marketing-Gag.
Die Rippchen einfach ohne Zutaten 20 bis 30 Minuten im Ofen bei 200 Grad unter der Grillschlange auf den Rost legen.
Ei! Wie Schweiss in der Sauna trieft das Fett in Bächen auf das darunter gestellte Blech. Alle 5 Minuten wenden, bis sie goldbraun sind.

Der Tomatensugo ist idiotensicher: Zwiebeln in Olivenöl anbraten, ein Stück Knollensellerie und passierte Tomaten dazu, salzen, pfeffern. Gelegentlich etwas Wasser zugeben, wenn die Sauce zu fest eindickt.
Kurz vor dem Servieren kann man, je nach Saison, etwas glatte Petersilie oder Basilikum dazugeben.
Sobald die Costine ready sind, in den Sugo gleiten lassen so lange pianissimo köcheln, bis sich das Fleisch von den Knochen zu lösen beginnt.
Bei der Polenta scheiden sich die Geschmäcker. Es gibt unterschiedlichstes Mehl, das sich für Polenta eignet. Ich mag gerne eine grobe Bramata aus Maisgriess in Bio-Qualität. Andere bevorzugen feinere Mehlsorten aus Weizen oder Kastanien.
Aber zum Kochen reicht mir Salzwasser. Man kann die Polenta auch in Bouillon kochen oder mit Milch und Rahm verfeinern. Aber eben, ich will den Mais schmecken, also lass ich nur Wasser dran.
Das Verteilen der Polenta auf die Teller ist etwas für Streicher. Und bevor der Sugo draufkommt, wird die Polenta mit Parmesan bestreut.

Das Fleisch kann man am Knochen lassen oder ablösen, zur Polenta essen oder als «Secondo Piatto» mit einem Salat servieren.

Übrigens haben sich die Norditaliener einen Namen eingefangen, weil sie ständig so viel Polenta verdrücken: Polentoni – Polentafresser.
Und die Schweinerippen ersetzen sie gerne auch mit kleinen Singvögeln und machen damit «Polenta e Osei». Aber davon ein ander Mal.
